Querfeldein „L‘altopiano del Montasio“

Querfeldein „L‘altopiano del Montasio“: Dick & Doof in den Julischen Alpen

(Botanischer Spaziergang am 27. Okt. 2019)

Käse oder Steinbock, was darf’s sein? Wer nicht den Gipfel des 2754 Meter hohen Montasch erturnen möchte, dem bleiben noch immer zwei gute Gründe das Hochplateau des zweithöchsten Berges der Julischen Alpen aufzusuchen. Entweder lockt eine der drei Sennereien auf Pecol-, Larice- und Cregnedul-Alm mit ihren Produkten oder man kommt zum Kokettieren mit den fast streichelzahmen Steinböcken, die sich jedes Jahr im Herbst oberhalb des „L’altopiano del Montasio“ eindrucksvoll versammeln. Es gibt aber noch einen dritten und exklusiveren Grund zum Hineinschlupfen in die Bergschuhe: Die Suche nach einer sonderbaren Ehe zwischen zwei Pflanzen, die in Österreich nicht nur ausgesprochen selten, sondern zudem stets „solo“ vorkommen.

Abb. oben: Habitus und Frucht erinnern an die Meisterwurz und tatsächlich liegt auch ein Vertreter der Gattung „Haarstrang“ vor. Die Meisterwurz kommt allerdings nur vis-à-vis, auf der durch lange Schneebedeckung gekennzeichneten Schattenseite des Canin-Massives vor. Dieser Doldenblütler mag trocken-warme, magere und steinige Rasen. (Foto: Vogt)

Mit einem Haar ein Kärntner

Schon im lichten Lärchen-Fichten-Wald auf der Höhe der Brazza-Hütte (1660m) fallen einem im Herbst immer wieder die silbrig schimmernden Fruchtstände eines selten über 50cm hohen Doldenblütlers auf. Vielleicht führt der Weidedruck dazu, dass die Staude ihre übliche Höhe von 60 bis 120cm hier nicht erreicht. Auch ohne Lupe erkennt man die flachen, auffallend breit geflügelten Teilfrüchte und kann auch drei sog. Rippen am Fruchtrücken erahnen. Der Verdacht einen Haarstrang vor sich zu haben verhärtet sich beim mutigen Hineinbeißen in das Ding, denn das scharfe, durch Furocumarine und Monoterpene hervorgerufene Prickeln auf der Zunge erinnert schnell an die Meisterwurz. Allerdings sind die Früchte der im Habitus ähnlichen Meisterwurz fast um die Hälfte kleiner, mehr rund als längsoval und auch der trocken-warme Standort passt gar nicht zur volksmedizinisch genutzten „Strenze“. Den Botaniker würde zudem die sogenannte „Hülle“ mit mehr als zwei (nun vertrockneten) Hochblättern an der ersten Verzweigungsstelle des Blütenstandes stören und auch über das Fehlen dreiteiliger Grundblätter müsste er sich wundern. Doch selbst ein Pflanzenkenner hätte gröbere Schwierigkeiten mit der Artbestimmung, wenn nicht ab und zu noch ein Laubblatt des Sonderlings im Herbst zu entdecken wäre.

Abb. oben: Da kommt Freude auf! Mit den auffallend langen, schmal-linealen Blattzipfeln gibt sich der Raibl-Haarstrang (Peucedanum rablense, „Kärnten Haarstrang“) im Angesicht des Montasio zu erkennen. (Foto: Vogt)

Mit den 10-20 Mal länger wie breiten Laubblattzipfeln lässt sich die Staude als Raibl-Haarstrang (Peucedanum rablense), einst auch als „Kärnten Haarstrang“ bekannt, identifizieren. Der Doldenblütler ist in ganz Österreich nur selten in SW-Kärnten in den Karnischen Alpen zu entdecken und besitzt in der Bergwaldstufe zwischen Kanal- und bis ins Aostatal seine Hauptverbreitung. So bleibt dieser Haarstrang mit nur einem Haar ein echter Kärntner.

Sonderbare Ehe unter dem Modeon del Buinz

Als ob das Auffinden des besonderen Raibl-Haarstrangs nicht schon genug wäre, steigt der Doldenblütler von der Cima die Terrarossa (2375) bis zum Modeon del Buinz (2554), der südlichsten Burg der Montasch-Gruppe, bis in die Alpinstufe auf und führt dort auf ca. 1900m Seehöhe eine sonderbare „Ehe“ mit einem schrägen Schmetterlingsblütler. Es handelt sich nämlich um den einzig heimischen Vertreter der Gattung Ginster mit gegenständiger Blattstellung und sparrig-kugeligem Wuchs, den Kugelginster (Genista radiata). Die zum Teil mehrere Quadratmeter ausgedehnten, bis 50cm hohen und kompakten Ginstergebüsche können von nur wenigen Pflanzen „durchbrochen“ werden. Unser Haarstrang zählt zu den auffallend treuen „Dauermietern“ der Wohnanlage und lässt seine Fiederblätter im Parterre, während er seinen Blütenstand in die Penthouse-Etage schiebt. Kleinwüchsige Arten wie Erika, Glanz-Skabiose, Gelbweißer Lauch, Thymian, Hufeisen-Klee oder Aurikel müssen sich eine andere Ecke im steinigen Rasen suchen. Das seltsame Miteinander des kugelwüchsigen Ginsters mit dem schlanken Haarstrang erinnert an das Komiker-Duo Dick & Doof.

Abb. oben: „Dick und Doof“ in Pflanzengestalt? Der schlanke Raibl-Haarstrang wächst über den kugel-sparrig wachsenden Kugel-Ginster hinaus. In jedem Fall ein erfolgreiches und hübsches Duo unter dem Montasch-Massiv. (Foto: Vogt)

Der bekannte Botaniker und Pflanzensoziologe Prof. Wilfried Franz schrieb vor 40 Jahren einen Beitrag in der Carinthia zum Vorkommen des Kugelginsters am Weißensee und in den Julischen Alpen um den Lago di Predil. Demnach soll sich der wärmeliebende Schmetterlingsblütler nach der letzten Eiszeit über die beiden Routen Kanaltal und Nevea-Sattel einen Weg bis zum Gebirgssee über das Gail- und Gitschtal erobert haben. Zur vegetationskundlichen „Feineinteilung“ schlägt Franz die beiden Arten Blumenesche (Fraxinus ornus) und Rot-Seifenkraut (Saponaria ocymoides) vor und definierte damit zwei Ausprägungsformen von Kugelginster-Heiden in der Bergwaldstufe. Vielleicht hätte der Forscher auch eine dritte Pflanzengesellschaft mit dem Raibl-Haarstrang vorgeschlagen, hätte man damals das natürliche, subalpin-alpine Vorkommen von „Dick und Doof“ auf der Südseite der Montasch-Gruppe gekannt.

Abb. oben: Der Kugel-Ginster gibt dem italienischen Bergwald einen echten Mittelmeer-Flair. Hier blüht und fruchtet er gleichzeitig Ende Oktober unter dem Modeon del Buinz. (Foto: Vogt)

Suche nach der julischen Phantomblume

Er ist der König in diesem Land!“, schreibt der Alpinist und Schriftsteller Julius Kugy über den Montasch, den er sich stets „nur mit Herzklopfen nähern könne!“. Seine besondere Leidenschaft galt bekanntlich der Suche nach der geheimnisvollen Trenta-Skabiose („Scabiose trente“), von deren Existenz der Laienbotaniker bis zu seinem Ableben überzeugt war. Was gibt es auch schöneres als einem blühendem Phantom in der gewaltigen Kulisse der Julier nachzujagen? Dabei war eine nicht minder bezaubernde und echt alpine Skabiose für Kugy stets zum Greifen nahe: Die Glanz-Skabiose (Scabiosa lucida).

Abb. oben: An den besonders langen, schwarzen Kelchborsten und der ausladenden Korbhülle erkennt man die Glanz-Skabiose (Scabiosa lucida), die hier ihr schmuckes Blütenkleid abgelegt und dennoch nicht an Reiz verloren hat. (Foto: Vogt)

Von den Ostkarawanken bis zu den westlichen Juliern ist mir kein schönerer Bestand an Glanz-Skabiosen bekannt als in den steilen Südhängen unter dem Modeon del Buinz. Ein gutes Erkennungsmerkmal sind die mindestens 2 Mal breiteren Endzipfel der mittleren Stängelblätter als ihre Nebenabschnitte und der meist nicht verzweigte Stängel. Für die Gattung sind sekundäre Pflanzenstoffe beschrieben, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Enziangewächsen besitzen und vielleicht deshalb in Asien als bedeutsame Heilpflanzen genutzt werden.

Abb. oben: Julius Kugy wollte vielleicht ganz bewusst nach der geheimnisvollen „Trenta-Skabiose“ suchen, wenn die Glanz-Skabiose bereits eine Superlative im Abendlicht vorgibt. (Foto: Vogt)

Neuer Höhenrekord eines Südafrikaners?

Schon vor 20 Jahren zeigte eine Untersuchung am bekannten Monte Baldo am Gardasee, dass die Bergidylle hinsichtlich urheimischer Pflanzen ein Mythos ist. Zu den erfolgreichsten „Einwanderern“ der Neuzeit mit der zugleich größten Höhenamplitude zählte ein aus Südafrika stammender Neophyt aus der Familie der Korbblütler: Das Schmalblatt-Greiskraut (Senecio inaequidens), wegen seiner Heimat auch als „Südafrika-Greiskraut“ bezeichnet, konnte entlang von Militärstraßen bis auf 1400m Seehöhe nachgewiesen werden und vermochte die Vegetationsbedeckung bis zu 85% mitzubestimmen. Nun hat der durch Pyrrolizidin-Alkaloide für Weidetiere toxische Neubürger auch den Aufstieg auf die Hochebenen unter dem Montasch gewagt und konnte von mir bis ca. 1600m beobachtet werden. Ein neuer Höhenrekord in den Alpen? Mit Sicherheit (leider) nicht, denn in seiner Heimat gedeiht die Art bis fast 3000 Meter und konnte in den Drakensbergen das Höhenbersteigen schon ausgiebig trainieren.

Abb. oben: Das Südafrika-Greiskraut (Senecio inaequidens) könnte in wenigen Jahren den italienischen Almen einen ungewohnten „Touch“ geben. (Foto: Vogt)

Unkeuscher Wegweiser

Zu den farblich attraktivsten Laubgehölzen des herbstlichen Bergwaldes zählt eine uns allen gut bekannte Kulturpflanze, die in Japan als Symbol der Unkeuschheit galt und einst den Zugang zu Freudenhäusern markierte. Etliche asiatische Sagen berichten von dem innewohnenden Baumgeist, der sich in Gestalt eines schönen Mädchens dem Menschen manchmal offenbart. Während mystische Vorstellungen aber meistens an die Silber-Weide adressiert wurden, handelt es sich hier um die Sal-Weide (Salix caprea), die gemeinsam mit der Reif-Weide zu unseren typischen „Palmkätzchen-Weiden“ zählt. Selbst an den welken und gelb-orange verfärbten Blättern kann man den bis 15m hohen Baum leicht erkennen: Die rund-elliptischen Blätter sind 1,5-2,5 Mal so lang wie breit, besitzen die breiteste Stelle in oder etwas unterhalb der Spreitenmitte und sind unterseits weißwollig-samtig.

Abb. oben: Ziegen sollen angeblich das Laub der Sal-Weide schätzen. Hier kamen offenbar keine vorbei. (Foto: Vogt)

Zeigt her eure Zähne!

Zu den großen botanischen Irrtürmern des Laien zählt die Annahme, den Löwenzahn als einzige Pflanze wirklich gut zu kennen. Bis auf die Ebene der Gattung trifft das vielleicht noch zu, aber für das „darunter“ benötigt man mehr als löwenstarke Zähne. Zumindest benötigt man die Beißkraft, um es mit 370 beschriebenen Kleinarten alleine in Deutschland aufzunehmen. Von der Subalpinstufe aufwärts waren in Österreich schon vor 10 Jahren um die 70 Artgruppen bekannt. Jetzt wissen wir vielleicht auch, warum Hildegard v. Bingen, die große Seherin, kein Sterbenswörtchen über die botanisch heikle, spätere „Pfaffendistel“ verloren hat. Sah sie das Übel etwa voraus? Da fällt einem plötzlich einer der ältesten Namen für die „Pusteblume“ unserer Kinder ein: „Rostrum porcium“, was so viel wie „Saurüssel“ bedeutet dem Hortus sanitatis von Johann Prüß (ca. 1500) entspringt.

Abb. oben: Wesentlich „gefährlicher“ als der Aufstieg auf den Montasch im Hintergrund ist das Bestimmen von Löwenzahn-Kleinarten. Dabei kann man leicht „abstürzen“. (Foto: Vogt)

Der Löwenzahn gehört in Europa zu den historisch jungen Heilpflanzen und wurde erst im Mittelalter durch die Araber populär. Die gegen Beschwerden im Verdauungsapparat monographierte Blatt- und Wurzeldroge stammt vornehmlich aus Wildsammlungen in Osteuropa. Die Prüfung der Droge erfolgt in der Praxis nur makro- und mikroskopisch, während aussagekräftige Methoden zur Eingrenzung von sog. Chemotypen bis heute fehlen. Man darf getrost annehmen, dass sich die vielen, meistens ungeschlechtlich fortpflanzenden Löwenzahn-Sippen in ihren sekundären Inhaltsstoffen erheblich voneinander unterscheiden. In jedem Fall darf die oft zitierte „Apothekenqualität“ im Falle des Löwenzahns hinterfragt werden, wenn das Arzneibuch lediglich einen Bitterwert von 100 vorschreibt, obwohl eine „gute“ Droge den fünffachen Wert erreichen kann.

Abb. oben: Aufatmen kann dieser Gewöhnlich Wiesen-Leuenzahn (Leontodon hispidus ssp. hispidus) im Weiderasen der Pecol-Alm, denn er hat bis zum Almabtrieb durchgehalten. Mit den eng am Boden anliegenden, durch „Y“-förmige Sternhaare gekennzeichnete Blätter hat er die Butterhirschen überlistet. (Foto: Vogt)

Wesentlich leichter als die Bestimmung von Löwenzahn-Artgruppen ist das Erkennen des Leuenzahns (Leontodon s. str.) und seiner Sippe. Während in den Weiderasen unterhalb des Montasio der durch „Y“-förmige Haare und verhältnismäßig weiche Laubblätter erkennbare Gewöhnlich Wiesen-Leuenzahn vorherrscht, findet man im alpinen Felsschutt den im Habitus ähnlichen, aber durch dicht stehende Ankerhaare deutlich raublättrigen Felsschutt-Leuenzahn.

Abschied vom Bergsommer

Abb. oben: Nonna und Nonno? Ein schönes Sinnbild für die silberne Hochzeit und Schönheit im hohen Alter: Die Südliche Alpen-Küchenschelle im Fruchtstand mit Fernsicht auf das Canin-Kette. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Wie weit wird der Wind die Früchte der Kleb-Kratzdistel dieses Jahr wohl tragen? (Foto: Vogt)
Abb. oben: In der Subalpinstufe bekommt der Raibl-Haarstrang nur von einem Familienangehörigen ernsthafte Konkurrenz: Dem Wiesen-Bärenklau. Dieser dringt erfolgreich in steinige Rasen und Schuttfluren ein. (Foto: Vogt)

Die Hochebene der Montasch-Gruppe macht den Abschied vom botanischen Bergsommer nicht gerade leicht, dafür aber stimmungsvoll und man kehrt mit einer Sehnsucht nach mehr Südalpenbegegnung im kommenden Jahr nach Hause.

Ci vediamo dopo, Montasio!

Abb. oben: Blick in das Raccolana-Tal beim Abstieg zur Pecol-Alm im Abendlicht. Wir kommen wieder! (Foto: Vogt)

Vorschau Bergsommer 2020

Vorschau Heilpflanzenkunde 2020

03. April – 07. November 2020: Aufbaulehrgang Phytotherapie (8 Fr./Sa.-Module)

07. – 08. August 2020: Entdeckungsreise Doldenblütler