Wie zieht man richtig an der Wurzel?

Die Wurzelgräber der Antike und des Mittelalters, die Rhizotomen, hatten es wesentlich einfacher als heute. Wollte man z.B. die hochangesehene Alraune (Mandragora officinarum) zur Herstellung einer Flugsalbe oder für einen Liebeszauber ernten, so benötigte man nicht viel mehr als einen schwarzweiß gefleckten Hund. Dieser wurde über einen Strick mit dem Wurzelhals des mediterranen Nachtschattengewächses verbunden und dann mit Hilfe einer Wasserschüssel zur Ortsänderung verleitet. Freilich durfte man dabei nicht vergessen ein paar fromme Sprüchlein zu murmeln und die eigenen Ohren mit Pech oder Wachs zu verstopfen, damit das todbringende Geschrei des herausgezogenen „Erdmännchens“ nur das arme Zugtier zu hören bekam. Wer keinen Hund besaß, benötigte zumindest ein Schwert, mit dem drei Kreise um die „Drachenpuppe“ zu ziehen waren, und mehr Talent für Gesang und Liebestanz, die Teil der rituellen Ernte waren. In ähnlicher Vorgehensweise wurde auch die hochgiftige Wurzel des Weißen Germers (Veratrum album), der „Adlerbrust“ im antiken Griechenland gezogen, um ein antimagisches Schnupfpulver zum Austreiben von Krankheitsdämonen zu gewinnen. Heute braucht es (leider) mehr als magische Rituale, um der Pflanze achtsam zu begegnen, denn die moderne Forschung legt eine hinsichtlich Umfang und Dynamik erstaunliche „Sprachenvielfalt“ auf der Ebene sekundärer Pflanzenstoffe frei.

Von Ursprachen und lästigen Mundarten

Die bisher rund 100.000 entdeckten, niedermolekularen Pflanzenstoffe (Stand 2008) sind Ausdruck einer enormen „ökologischen Redegewandtheit“, um auf Umwelteinflüsse angemessene Antwort zu geben. Im Laufe der Evolution haben sich nicht nur familientypische „Pflanzensprachen“, sondern auch arttypische „Dialekte“ als Ausdruck einer Feinanpassung an den lokalen Lebensraum entwickelt. Vom Lichtregime, der Seehöhe, der geographischen Breite, über bodenkundliche und biotische Faktoren (z.B. Stress durch Mikroben) fließt hier alles nur Denkbare ein und bringt abseits der „Vorzugssprache“ ein nicht länger überhörbares „Zusatzvokabular“ zu Tage. Wer hier die Ohren verschließt und einen Bogen um die Inhaltsstoffe sucht, ignoriert die Natur der Pflanze!

Abb. oben: Rhizotom bei der Alraunenernte (Quelle: Codex tacuinum sanitatis)
Abb. oben: Die Blüten des Weißen Germers wurden im antiken Griechenland als „Samen des Heracles“ verehrt. Mit zunehmender Seehöhe schwindet die Giftigkeit der Wurzel. (Foto: Vogt D.)

So „antworten“ Nachtschattengewächse auf Stress bevorzugt mit Tropanalkaloiden, während Mohngewächse lieber auf das Vokabular der Isochinolinalkaloide zurückgreifen. Zu den alten und universellen „Sprachen“ zählen die kondensierten Gerbstoffe, der sich z.B. die Rosengewächse gerne für eine ebenso universelle „Breitbandabwehr“ bedienen, oder die Lignine und Lignane, die alle Höheren Landpflanzen beherrschen müssen, um Holzstoff für Druckbelastungen bilden zu können. Doch selbst in letzterer, ca. 400 Millionen Jahre alten „Ursprache“ entwickelten sich einzelne „Vokabel“, die unser menschliches Gehirn viel später einmal „verstehen“ sollte. So kann ein spezielles Lignan der Baldrianwurzel (Valeriana officinalis) an spezifischen „Antennen“ unseres Gehirns andocken und gemeinsam mit anderen Sprachstoffen der „Mondwurzel“ psychisch ausgleichend wirken. Man darf schon staunen, wenn eine ursprünglich für andere Zwecke produzierte Verbindung aus dem Reich der Pflanzen eine neurophysiologische „Schlüssel-Schloss-Reaktion“ im Menschen bedient. Zu den modernen und ausgefallenen „Pflanzensprachen“ zählen z.B. die Secoiridoidglykoside, die man als präformierte Abwehrstoffe vornehmlich in Enzian- und Fieberkleegewächsen findet. Hier führen die Familienvertreter ein andauerndes „Selbstgespräch“, denn auch ohne äußeren Druck durch Fraßfeinde werden die bittersten „Vokabeln“ im Pflanzenreich vorsorglich ausgeplaudert. Da es der Gattung Enzian aber sonst an weiterer Sprachfertigkeit mangelt, zählt seine Wurzel zu den ausgesprochen seltenen „Amara pura“, also zu den (wirklich) reinen Bitterstoffdrogen.

Die Entdeckung von regional unterschiedlichen „Dialekten“, also äußerlich nicht unterscheidbaren chemischen Rassen ein und derselben Pflanzenart, ist ein harter Schlag für das Augentier Mensch und zeigt die Grenzen unserer Sinneswahrnehmung. Aus therapeutischer Sicht ergeben sich daraus ernst zu nehmende Probleme (Siehe Beitrag „Gamander“) und auch die rationale Aromatherapie musste durch Ausweisung sog. Chemotypen (z.B. Thymian ct. Geraniol, Thymian ct. Thymol) auf die verschiedenen ätherischen Öle ein und derselben Pflanzenart reagieren.

Auch der südamerikanische Krallendorn (Uncaria tomentosa) bringt zwei regionale „Sprachvarietäten“ hervor, von denen die der pentazyklischen Oxindolalkaloide therapeutisch vielversprechend, die der tetrazyklischen Oxindolalkaloide die Wirkung ersterer nicht nur behindert, sondern zudem bei hoher Dosierung toxisch wirkt. Rein äußerlich ist eine Unterscheidung der Pflanzen und ihrer Wurzeldroge nicht möglich. (Deshalb ist von Internetbestellungen ohne Analysezertifikat dringend abzuraten!) Beim Kalmuswurzelstock (Calami rhizoma) hat die großgeographische „Sprachgruppe“ aus Indien fast zu einer Eliminierung der bewährten Droge in der westlichen Heilpflanzenkunde geführt, bis man entdeckt hat, dass die in Europa angebaute und aus Nordamerika stammende Sippe nahezu frei von bedenklichem Beta-Asaron ist.

Manche „Pflanzensprachen“, wie die der leberschädigenden und genotoxischen Pyrrolizidin-Alkaloide (PA), hört man gar nicht gerne und ist über jeden echten Analphabeten froh. So fehlen innerhalb der Familie der Raublattgewächse nur einem einzigen Vertreter, dem in der Volksheilkunde eine große Rolle spielenden Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), gänzlich die „Worte“.

Abb. oben: Der Arznei-Baldrian beeinflusst gleich zwei spezifische "Schlüssel-Schloss-Reaktionen" in unserem Gehirn. Je nach Extraktionsmittel dominiert die ausgleichende (hoher Alkoholgehalt) oder mehr sedierende (Alkoholgehalt ca. 40 Vol.%) Wirkung. In der Erfahrungsheilkunde zeigt auch ein banaler Südweinansatz einen beruhigenden Effekt und wird bei ausreichender Aromatisierung mit Zimt, Nelke und Sternanis von älteren Menschen gut angenommen. (Foto: Vogt)

Wie soll sich der moderne Wurzeljäger angesichts der Sprachenvielfalt verhalten?

Alles werden wir (zum Glück) nicht in den Griff bekommen und mit fortschreitender Forschung verschiebt sich ein Teil der alten Magie in schwer begreifbare biologischer Prozesse. Generell gilt aber der frühe Morgen im Herbst, am besten bei abnehmendem Mond, als empfohlener Erntezeitpunkt für unterirdische Organe. Bei zweijährigen (z.B. Große Klette) oder mehrjährig hapaxanthen Arten (z.B. Arznei-Engelwurz), also Pflanzen, die nur einmal blühen und danach sterben, liegt der letzte sinnvolle Erntezeitpunkt im Frühjahr der letzten Vegetationsperiode oder im Herbst des Vorjahres. Bitterstoffpflanzen, die im Herbst Inulin oder andere süß schmeckende Polysaccharide als Speichersubstanz in nennenswertem Ausmaß anreichern (z.B. Löwenzahn, Enzian), sollten bevorzugt im Frühjahr geerntet werden, um den Bitterwert zu heben. Ebenfalls im Frühjahr sollte die Kriech-Quecke (Elymus repens) oder die Sandsegge (Carex arenaria) eingebracht werden. Die Wurzelrinde der Berberitze (Berberis vulgaris) oder die Wurzel des Blutweiderichs (Lythrum salicaria) fallen wieder in die Herbsternte, um hohe Alkaloid- bzw. Gerbstoffkonzentrationen zu erzielen. Um den mild harntreibenden Effekt des Dornigen Hauhechels (Ononis spinosa) zu nutzen, wird die Isoflavonoide führende Wurzel des Schmetterlingsblütlers im Herbst gegraben.

Pflanze Droge Ethanolischer Auszug
Afrik. Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix) 1:10 Tinktur 25 Vol.% (ESCOP)
Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) Angelikawurzel (Angelicae radix) 1:5 Tinktur 30 Vol.% (Iberogast) – 65 Vol.% (Ceres Urtinktur)
Blutwurz (Potentilla erecta) Blutwurzrhizom (Tormentillae rhizoma) 1:5 Tinktur 45 Vol.% – 70 Vol.% (HMPC)
Große Brennnessel (Urtica dioica) Brennnesselrhizom (Urticae rhizoma) 1:5 Tinktur 40 Vol.% (ESCOP)
Echte Wallwurz (Symphytum officinale) Beinwellwurzel (Symphyti radix) Flüssigextrakt mit 65 Vol.% vor 2:1 Einengung (HMPC)
Große Bibernelle (Pimpinella major) Bibernellwurzel (Pimpinellae radix) Tinktur >54% Vol.% (DAB 6)
Große Klette (Arctium lappa) Klettenwurzel (Bardanae radix) 1:5 Tinktur 25 Vol.%, 1:10 Tinktur 45 Vol.% (ESCOP)
Kriech-Quecke (Elymus repens) Quecken-Wurzelstock (Graminis rhizoma) 1:5 Tinktur 40 Vol.% (ESCOP)
Löwenzahn (Taraxacum officinale) Löwenzahnwurzel (Taraxaci radix) 1:1 Tinktur* 30 Vol.% (ESCOP) (*Fluid)
Meisterwurz (Peucedanum ostruthium) Meisterwurzrhizom (Imperatoriae rhizoma) ähnlich Engelwurz
Purpursonnenhut (Echinacea purpurea) Purpursonnenhutwurzel (Echinaceae purpureae radix) 1:5 Urtinktur 55 Vol.% (ESCOP)
Taigawurz (Eleutherococcus senticosus) Taigawurzwurzel (Eleuterococci radix) 1:1 Tinktur* 40% Vol.% (ESCOP) (*Fluid)
Tabelle oben: Unterirdische Organe ausgewählter Pflanzen und Vorschlag für typischen, wässrig-ethanolischen Auszug. ESCOP = European Scientific Cooperative on Phytotherapy, HMPC = Herbal Medicinal Product Committee. (Zusammenstellung Vogt D.)

Wesentlich kniffliger ist aber die Wahl des passenden Extraktionsmittels, denn immerhin gilt es unter den vorliegenden „Sprachen“ die für eine Indikation geeignete freizulegen und im Menschen „klingen“ zu lassen. Das ernsthafte Bemühen ein für den „Pflanzengeist“ passenden Medium zu finden, beginnt in Europa spätestens mit der Einführung der Galenik durch ihren Begründer Galenos von Pergamon in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der achtsame Kräutersammler darf heute trotz Verbundenheit zur regionalen Volksheilkunde auf die durch Expertengruppen bedarfsweise korrigierten Erfahrungswerte der ganzen Welt (!) zurückgreifen und findet vom Homöopathischen Arzneibuch bis hin zu den ESCOP-Monographien oder den Pflanzenbeschreibungen des „Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel“ (HMPC) wichtige Orientierungshilfe. Darauf aufbauend darf und soll man sich selber Gedanken machen, welcher Verarbeitungsprozess für eine bestimmte Fragestellung sinnvoll ist.  Die Ära der „alpenländischen Galenik“, wo für Wurzeln teilweise der Grundsatz „je höher der Alkoholgehalt, desto besser“ galt, sollte der Vergangenheit angehören. Alleine die haptische Sinneswahrnehmung, ob schleimig, klebrig, saftig, schwammig oder verholzt, ergänzt durch Geruch und Geschmack, führt auch den Blinden schnell zur Erkenntnis, dass eine einheitliche Vorgehensweise nicht „wesensgerecht“ sein kann. So wird der Austritt von bitter schmeckenden Harzen und Gummen bei gleichzeitig aromatischer Note (z.B. Meisterwurz-Rhizom) zu einem höheren Alkoholgehalt einladen, als das bei der bitteren und wenig aromatischen Löwenzahnwurzel der Fall ist. Am Ende kommt es aber stets auf die Frage nach dem „wozu“ an. So kann man beispielsweise beim Kalmusrhizom durch Verwendung eines niedrigen Alkoholgehaltes mehr die Schleimstoffqualität gegen dyspeptische Beschwerden oder durch hohe Alkoholkonzentration die Ätherisch-Öl-Achse mit einer stärker zentralnervösen Wirkung freilegen. Auch bei der Baldrianwurzel lenkt ein hoher Alkoholgehalt (ab 70 Vol.%) durch Herauslösen der Valepotriate zu einem mehr den Tages-Nacht-Rhythmus balancierenden Effekt, während bei stärkerer Verdünnung (ca. 40 Vol.%) die sedierende Wirkung durch hydrophile Lignane in den Vordergrund tritt. Bei einigen Wurzeln macht die parallele Mazeration mit unterschiedlichen Extraktionsmitteln und anschließende Zusammenführung der Auszüge durchaus Sinn fängt dadurch mehrere „Sprachen“ ein.

Abb. oben: Der Wurzelwein der Berg-Heilwurz (Seseli libanitis) galt in der Renaissance als wärmendes, magenstärkendes und „nierenreinigendes“ Mittel. Die moderne „Sprachforschung“ hat sie fast vollkommen vergessen. (Foto. Vogt D.)
Abb. oben: Erst im 14. Jhd. wurde die Arznei-Engelwurz in die europäische Heilpflanzenkunde durch die sog. Galgant-Gewürz-Traktate eingeführt und stand zunächst im Schatten der Meisterwurz. (Foto: Vogt D.)

Gäbe es einen universalen Schlüssel, um das „heilwirksame Prinzip“ aller Pflanzen einheitlich zu öffnen, müsste nicht nur die Pflanzenwelt stumm und einfallslos, sondern auch der empfangende Mensch uniform sein. Wir dürfen also weiterhin viele Fragen stellen und auf Antworten hoffen!

Bei dieser Gelegenheit darf ich zu einem „Volksheilkundlichen Kräuterkurs nach Ignaz Schlifni“ der FNL-Kräuterakademie einladen, welcher unter meiner Leitung zur FNL-Kräuterexpertin bzw. zum FNL-Kräuterexperten führt.

Ein erfolgreiches Graben wünscht Euer Phytagoras!