Arzneipflanze 2019: „Chinesischer Alpenstern“

Arzneipflanze 2019: "Chinesischer Alpenstern"

Wie schnell man berühmt werden kann und von einem bedeutungslosen „Wullchrut“ mit chinesischen Wurzeln zur österreichischen Arzneipflanze des Jahres aufsteigt, führt unser Alpen-Edelweiß vor. Hängt der berühmte „Alpenstern“ nun an richtiger Stelle im pharmazeutischen Himmel?

Abb. oben: Für viele ein "Aushängeschild" der Flora alpina und nun österreichische Arzneipflanze 2019: Ein Dauergast aus China. (Foto: Vogt)

Noch vor 200 Jahren wusste kein Älpler oder Botaniker, welches Geschöpf sich einmal hinter dem Namen „Edelweiß“ verbergen wird. Der Kosename entstand erst später in den Tauerntälern und wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populär. Von dem „Wullkraut“ oder der „Wollblume“, wie das Alpen-Edelweiß (Leontopodium nivale ssp. alpinum) auf Grund seiner weiß-wolligen Behaarung ursprünglich genannt wurde, nahm man vorher kaum Notiz. Stattdessen ordnete man das Gewächs seit dem 16. Jahrhundert als wenig brauchbares „Geschlecht des Löwenfußes“ in die Verwandtschaft der Ruhrkräuter ein. Als „Löwenfüßchen“ hat sich der Korbblütler noch bis heute im wissenschaftlichen Gattungsnamen „Leontopodium“ verstecken können. Die vorsichtigen Vorarlberger zähmten den „Löwenfuß“ sprachlich zu einem „Katzedäpli“ und stifteten damit Verwirrung, da der Name „Katzenpfötchen“ bereits für eine andere Art vergeben war.

Abb. oben: Der „Alpenstern“ leuchtet nicht am Himmel, sondern im steinigen Blaugrasrasen wie hier am Beginn des Edelweißgrates in der Karawanken. Seine „Urgroßeltern“ stammen allerdings aus Südwestchina. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Die wollige Behaarung des „Wullkrauts“ ist multifunktionell: Strahlungsschutz, Austrocknungsschutz und Kälteschutz in einem Kleid. Von so einer Funktionswäsche kann der Bergsteiger nur träumen! (Foto: Vogt)

Made in China

Obwohl es sich beim Edelweiß um einen echten „Asia-Import“ handelt, wurde der Korbblütler durch Heimatromantik und späteren Alpintourismus zu einem Symbol der Alpen hochstilisiert. Der wanderlustige „Chinese“ erkannte am Ende der letzten Kaltzeit seine Chance und immigrierte aus mongolischen Kältesteppen in die Alpen. Jüngste genetische Untersuchungen geben den Südwesten Chinas als Sippenzentrum für die gesamte, rund 40 Arten umfassende Gattung Edelweiß an. Es handelt sich also um keine in den Alpen urheimische Pflanze, sondern wie beim Gelben Enzian oder der Zirbe um einen „Zuagrasten“.

Abb. oben: Das Edelweiß war nie ein „Stubenhocker“. Der „Sprung“ von Südwestchina auf nordpazifische Inseln war verglichen mit der Eroberung der Alpen ein Spaziergang. Auf den Kurilen „vereinsamte“ eine Sippe zum endemischen Kurilen-Edelweiß (Leontopodium kurilense). (Foto: Vogt)

In der neuen Heimat angekommen hüpfte das Edelweiß aus dem „mitimportierten“ Nacktriedrasen in den Blaugras-Horstseggenrasen weiter. Auf der Wanderschaft sind einige Edelweiß-Eltern auch im Dinarischen Gebirge „hängen geblieben“ und haben das etwas zartere Karst-Edelweiß (Leontopodium nivale ssp. krasense) hervorgebracht.

Abb. oben: Sieht dem Gewöhnlichen Alpen-Edelweiß zum Verwechseln ähnlich: Das Karst-Edelweiß, aufgenommen am Krainer Schneeberg in Slowenien. (Foto: Vogt)

Wie das Edelweiß Schuhplatteln lernte

Wenn nun in alten Heimatfilmen Luis Trenker und seine Hanfseilbrüder in vereisten Nordwänden um die Wette kraxeln, um für ihr „Madl“ das dickste Edelweiß zu pflücken, hatte wohl Hollywood die Finger mit im Spiel: Zunächst ist das Edelweiß keine typische Felsspaltenpflanze, sondern macht es sich vorzugsweise im alpinen Rasen gemütlich. Zum anderen wurde der Alpenmythos ausgerechnet im Wiener Flachland erfunden, als sich die junge Kaiserin Sissi mit dem noch wenig bekannten „Wullkraut“ portraitieren lies und damit erst die Volksfantasie beflügelte. Am Ende wurde mit Starthilfe der Habsburger aus einem chinesischen Immigranten ein echter Alpenheld.

Nebenbei: Hinter dem einst waghalsigen „Blumentrophäenklettern“ als Liebesbeweis verbirgt sich im Alpenraum nicht das Edelweiß, sondern der Alpenaurikel und wurde Grund tödlicher Abstürze auch als „Teufelsblume“ bezeichnet.

Nur ein Bauchwehbleaml?

Für die berühmten Ärzte und Botaniker der Renaissance war das Edelweiß nur ein unbedeutendes Gewächs und besaß nach Jakobus Tabernaemontanus (1588) „gar keinen Brauch in der Artzney“ und könnte „wie Ruhrkräuter zu brauchen“ sein. Viel später wurde das Kraut zum „Bauchwehbleaml“ und zu diesem Zweck in Tirol und der Steiermark in Milch mit Butter und Honig aufgekocht.

Abb. oben: Für den berühmten Arzt und Botaniker J.T. Tabernaemontanus war das Edelweiß ein „Löwenfuß“, der wie die Ruhrkräuter bei Durchfallerkrankungen zu verwenden ist. (Foto: Vogt)

Ein frischer Aufwind kommt von der eng mit der pharmazeutischen Industrie verbundenen Herbal Medicinal Products Platform Austria (HMPPA), die das Edelweiß zur österreichischen Arzneipflanze des Jahres 2019 ausgerufen hat. In den letzten 15 Jahren wurde die „chemische Sprache“ des Edelweißes erforscht und dabei einzigartige „Vokabel“ wie die antioxidative Leontopodiumsäure oder gefäßwirksame Edelweiß-Lignane (z.B. Leoligin, 5-Methoxy-Leoligin) entdeckt. Auch die einst volkstümliche Verwendung bei Durchfallerkrankungen wurde Grund antimikrobieller und Darmperistaltik-hemmender Eigenschaften von Sesquiterpenen pharmakologisch plausibel.

Alpenstern im pharmazeutischen Himmel

Allerdings muss einem klar sein, dass alle bisherigen Erkenntnisse entweder experimentell an Nagetieren oder in schwer auf den Menschen übertragbaren in-vitro Zellkulturen gewonnen wurden. Klinisch ernst zu nehmende Studien oder entsprechende therapeutische Erfahrungen fehlen vollkommen und von einer langen Tradition als Heilpflanze im Alpenraum kann keine Rede sein! Orientiert man sich allerdings an der Rechtslage der Europäischen Arzneimittelagentur, dann genügt der Nachweis von 15 Jahren Inverkehrbringung einer entsprechenden Zubereitung in einem EU-Land, um den Status eines „Traditionellen pflanzlichen Arzneimittels“ zu erhalten. Wir warten gespannt, wann aus der schon lange käuflichen Edelweißsonnencreme die erste traditionelle Edelweiß-Zahnpasta für strahlend weiße Zähne entsteht.

Abb. oben: Alpen-Edelweiß in Aufzucht. Wie viele Zacken bleiben vom „Alpenstern“ noch übrig, wenn er in Tallagen oder gar als Kallus in einem Nährmedium kultiviert wird? (Foto: Vogt)

Letztlich lässt sich für jedes „Mauerblümchen“ der Welt ein antimikrobielles, antioxidatives und entzündungshemmendes Potential im Labor nachweisen. Ohne das entsprechende „Vokabular“ wäre keine Pflanze in freier Natur überlebensfähig. Es stellt sich also die Frage, ob die öffentliche Nominierung der streng geschützten Pflanzenart mit Propagierung ihrer Wurzeldroge nicht etwas voreilig und verantwortungslos war und wem diese „Preisverleihung“ am Ende dienen soll?
Welchen Schaden der Innsbrucker Arbeitskreis um Prof. Herman Stuppner und die HMPPA damit angerichtet haben wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wenn die Auswüchse des volksheilkundlichen Sammeltriebes in der Natur sichtbar sein werden.

Wie hell strahl der Alpenstern wirklich?

Abb. oben: Das Edelweiß blufft 2-fach! Die vermeintlichen äußeren Kronblätter sind nur Hochblätter und in der Mitte kuscheln sich 5-15, hier 10, eigenständige Körbe zu einem Schirm zusammen. (Foto: Vogt)

In vielen Fällen finden wir für angeblich einzigartige Pflanzenprofile therapeutisch gleichwertige und ökologisch gut vertretbare Ersatzdrogen bzw. Drogenkombinationen. Die bisher nur experimentell nachgewiesene Wirkung von isolierten Edelweiß-Lignanen auf das Herz-Kreislaufsystem darf z.B. keinesfalls mit der klinischen Erfahrung von Weißdornzubereitungen oder epidemiologischen Studien von Grünteekonsum verwechselt werden. Auch bei unspezifischer Diarrhöe stehen statt Edelweißkraut zahlreiche pflanzliche Alternativen (z.B. Heidelbeere, Blutwurz) mit verlässlicher Wirkung zur Verfügung. Und wenn ein methanolischer Wurzelextrakt im Reagenzglas die Aktivität eines Enzymes (Acetylcholinesterase) bremst und eine Injektion in die Gehirnflüssigkeit von Mäusen die Konzentration eines Botenstoffes (Acetylcholin) ansteigen lässt, ist noch lange kein „Anti-Alzheimermittel“ entdeckt worden.

Vielleicht entpuppt sich unser „Alpenstern“ einmal tatsächlich als „Wundermittel“ aber bis dahin werden noch viele echte Sternlein über den Himmel wandern …  

Meine therapeutische Empfehlung bis auf weiteres: Alpenstern suchen gehen, 3 Mal streicheln und sich zufrieden in den alpinen Rasen legen ohne eine Zacke zu brechen.  

Viele Sternlein wünscht Euer Phytagoras!

Terminaviso 2020   –  Mensch begegnet Pflanze im Gebirge

Ethnobotanische Wandertage in den Karawanken

25.06. – 28.06.2020: „Karawankenmohn & Zandelkraut“

23.07. – 26.07.2020: „Steinwurz & Gaizvenichel“ (Doldenblütlerschwerpunkt)

Leistungen:

  • Exklusives Kennenlernen der Südalpenflora von der Bergwald- bis in die Alpinstufe in einer Kleingruppe (max. 9 Personen)
  • Botanische, volksheilkundliche und pharmazeutisch-wissenschaftliche Pflanzenbetrachtungen
  • Zwei mittellange und zwei kurze Wanderungen
  • 1 Ethnobotanik-Workshop (2 Darreichungen für zu Hause)
  • Möglichkeit zur professionellen Pflanzenbestimmung am Abend (Österr. Exkursionflora, Binokular, individuelle Hilfestellung)
  • Ausgewählte Karawanken-Teemischungen zum Frühstück
  • Unterkunft im romantischen Bodental mit Einzelzimmervariante
Abb. oben: Der Rote Österreich-Bärenklau (Heracleum austriacum ssp. siifolium) ist eine von vielen "Highlights" in den Karawanken. (Foto: Vogt)