Gottesgnadenkraut als neues „Mutterkraut“?

Gottesgnadenkraut als neues „Mutterkraut“?

Während sich alle Toxikologen weltweit darüber einig sind, dass unser Gottesgnadenkraut (Gratiola officinalis) eine hochgiftige Pflanze ist, taucht das alte „Purgierkraut“ mit einer Teedrogenempfehlung in einem Praxisbuch für Therapeuten auf. Wie viel Gnade darf man sich von dem Wegerichgewächs wirklich erhoffen?

Abb. oben: Öffnet sich das Gottesgnadenkraut nun erneut für die therapeutische Praxis? (Foto: Vogt)

Erbrechen als Therapie?

In der europäischen Erfahrungsheilkunde wurden Kraut und Wurzel des Wegerichgewächses (Gratiolae herba et radix) einst gegen Verstopfung, Harnverhalten und Stoffwechselerkrankungen auf Grund seiner drastischen Wirkung verwendet. Gemäß der Vorstellung der Humoralpathologie sollte die abführend, brecherregend und abortiv wirkende Pflanze zu einer „inneren Reinigung“ ganz im Sinne eines Antidyskratikums führen. Das klingt zunächst befremdend und erinnert an das therapeutische Purgieren im Ayurveda.

Abb. oben: Das Gottesgnadenkraut ist eine mehrjährige, bis 70 cm hohe Rhizomstaude mit 4-kantigem Stängel, lanzettlichen Blätter und 2 charakteristischen Hochblättern unter dem Kelch. In der Natur findet man die Pflanze in feuchten Störungsflächen. (Foto: Vogt)

Der alte Denkansatz, den Körper mit Hilfe eines äußeren Stimulus aus einer physiologischen „Schieflage“ zu befreien, zählt aber nach wie vor zu den Grundprinzipien der modernen Phytotherapie! Nur eben feiner. Die Stoßtherapie mit Purpur-Sonnenhut „reizt“ das Komplementsystem und versetzt das Immunsystem in eine erhöhte „Abwehrbereitschaft“, Triterpensaponine des Echt-Seifenkrautes „reizen“ Nervenendigungen im Verdauungsapparat und führen über Vagus-Reflexe zu einer schleimlösenden und expektorierenden Wirkung auf die Mukosa, Ätherisch-Pfefferminzöl „reizt“ bei topischer Anwendung Kälte- und Druckrezeptoren in der Haut und führt indirekt zu einer analgetischen Wirkung, Wermut-Bitterstoffe „reizen“ Leberzellen und bedingen eine cholagoge Wirkung. u.s.w.. Im Grunde ist die allopathische Heilpflanzenkunde also in vielen Fällen eine „Reiztherapie“. In den oben angeführten Beispielen wird der Körper letztlich zu einer Eigenleistung „angestoßen“ und nicht wie im Falle von synthetischen Antibiotika, Mukolytika, Analgetika oder Verdauungsenzymen „entmündigt“.

Die Kunst liegt nun darin, die individuelle Grenze zwischen „anstoßender“ und zu stark „reizender“ Wirkung zu finden. Ab welcher Dosis und Dauer wird der Stimulus toxisch?

Zwischen „Anstoßen“ und „Umstoßen“

Es gibt nun Pflanzen, die Grund schwankender Inhaltsstoffe auch für den erfahrenen Therapeuten ohne technische Hilfe nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Die Familie der Nachtschattengewächse besitzt hier viele Beispiele, die Grund fehlender Standardisierung (Normierung auf eine bestimmte Menge an Inhaltsstoffen) leider vollkommen aus der allopathischen Heilpflanzenkunde verschwunden sind, obwohl die Verträglichkeit gegenüber entsprechenden Chemosynthetika nach Ansicht vieler Ärzte besser war. Darüber hinaus gibt es auch Pflanzen, bei denen die sog. therapeutische Breite so „schmal“ ist, dass erwünschte Effekte praktisch immer mit einer Intoxikation und nicht akzeptierbaren Nebenwirkungen gekoppelt sind.

Abb. oben: Im 19. Jhd. wurde das „Gichtkraut“ als Giftpflanze in der Familie der Braunwurzgewächse geführt. Heute zählt die Staude zu den Wegerichgewächsen. (Foto: Vogt)

Im neuzeitlichen Apothekerlexikon von H. Jäger (1859) wird das Gottesgandenkraut als Giftpflanze ausgewiesen, welche „heftig purgierend und frisch brecherregend wirkt“. Der Name „Gichtkraut“ verweist in diesem Zusammenhang auf die gebräuchliche Verwendung von abführenden Pflanzen bei Stoffwechselerkrankungen. Da die Inhaltsstoffe der Pflanze als starke Zellgifte wirken und die Beweglichkeit von Immunzellen mit Beteiligung an Entzündungsprozessen „bremsen“ können, ist eine analgetische Wirkung (siehe auch Herbstzeitlose und Zaunrübe als „Gichtmittel“) durchaus plausibel, aber mit Sicherheit gefährlich.

Schon im 16. Jahrhundert wussten die alten Friulaner, dass Pferde durch die Pflanze schwach und antriebslos werden und nannten sie deshalb „Stanca Cavallo“. Auch für die moderne Toxikologie und für die WHO liegt im ehemaligen „Purgierkraut“ eine „hochtoxische“ Pflanze vor, die abseits von kreislaufschwächender, schwindelerzeugender, abortiver, abführender und emetischer Wirkung bis zum Tod durch Atemstillstand führen kann. Dafür werden tetrazyklische Triterpene (Gratiogenin, Gratiosid) und die Cucurbitacine E und I verantwortlich gemacht.

"Göttlicher Gnadenschuss" für die Frau?

Abb. oben: Unklar ist, ob ein österreichischer Arzt für Naturheilkunde oder ein „Naturheiltherapeut“ ausreichend Hintergrundwissen besitzt, um diese Empfehlung als gefährlich und fahrlässig einzustufen. Die falsche Zuordnung der Pflanze in die Familie der Braunwurzgewächse ist seit Jahren überholt und verrät hier die unzureichende Recherche des Autors. (Foto: Vogt)

Nun darf man sich mehr als wundern, wenn in einem renommierten, im Jahr 2017 erschienen Praxisbuch für Phytotherapeuten das hochtoxisch eingestufte Kraut (Gratiolae herba) als einzige Droge gegen Amenorrhöe und Oligomenorrhöe mit folgender Empfehlung angeführt wird:

1 TL getrocknetes Kraut mit 1 Tasse kochendem Wasser übergießen, 5-10 Minuten ziehen lassen, abseihen. Morgens und abends 1 Tasse trinken.“

Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen für die Giftpflanze der WHO-Klasse 2B werden nicht angeführt! In den meisten Fällen einer diagnostizierten Amenorrhöe, also nach 6 Monaten ausgebliebener Menstruation, sind längere Therapiehorizonte zu erwarten, wozu eine nicht normierte Cucurbitacin-Droge vollkommen ungeeignet ist.

Abb. oben: Während man in der amerikanischen Phytotherapie die jahrtausendlange Erfahrung von Engelwurzarten als wirksames und ungefährliches Emmenagogum übernommen hat, verwehrt die Europäische Arzneimittelagentur Grund Einzelstoffbetrachtungen und Petrischalenstudien eine positive Monographie. (Foto: Vogt)

Man erinnere sich an den „Feldzug“ der modernen Medizin gegen die im Ayurveda und anderen Kulturkreisen bewährten und bei sachgemäßer Verwendung unproblematischen Emmenagoga wie Engelwurz-Arten, Rot-Ulme, Gemeiner Beifuß oder Polei-Minze. Anstatt bewährte Traditionen sachlich zu diskutieren, wird hier eine Giftpflanze propagiert. Von einem Lehrbuch für rationale Phytotherapie sollte man sich auch eine genauere Eingrenzung hinsichtlich der Pathogenese einer Gebärmutterdysfunktion erwarten dürfen. So setzt die amerikanische Pflanzenmedizin auf tonisierende Pflanzen wie Angelica sinensis oder Panax beim „anämischen Typ“ und z.B. auf Asparagus racemosus („Shatavari“), wenn ein Nachweis für eine hormonelle Dysbalance vorliegt.

Der umgekehrte Fall, dass verhältnismäßig harmlose Pflanzen auf Grund von unphysiologischen Experimenten und Einzelstoffbetrachtungen in der EU „kriminalisiert“ werden, ist allerdings der häufigere.
Einen namentlichen „Doppelgänger“ aus der Familie der Enziangewächse darf ich allerdings allen Frauen empfehlen, die sich die tonisierende Wirkung von Bitterstoffpflanzen zu Nutze machen wollen. Es handelt sich um das Tausendgüldenkraut, das sich den vergessenen Namen „Gottesgnadenkraut“ auch wirklich verdient hat!  

Allen Frauen wünsche ich jedenfalls gnädigere Pflanzen als das echte Gottesgnadenkraut!

Euer Phytagoras!