Wundersame Welt der Eisenbahnpflanzen

Wundersame Welt der Eisenbahnpflanzen

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Blinden Passagieren auf der Spur

Schlaue Pflanzen reisen mit der Bahn. Der Trick ist alt und erinnert an die Eroberung des Wilden Westens durch die Wegerichgewächse, welche die Wagenräder weißer Siedler zum „Schwarzfahren“ nutzten und sich in Form quellungsfähiger Samen an der Außenseite regelrecht „anklebten“.

Mit modernen Verkehrsmitteln werden Distanzen jedenfalls immer kleiner und so findet man in Österreich entlang der Gleise neben nordamerikanischen Präriepflanzen wie dem Dillenius Sauerklee auch chinesische Schluchtwaldarten oder nordafrikanische Sanddünenpflanzen. Ob die Reise tatsächlich erfolgreich war, entscheiden am Ende aber die speziellen Lebensbedingungen am Bahndamm. Vor allem Arten aus trocken-warmen Biotopen mit kargen Böden finden entlang der Gleise ähnliche Lebensbedingungen wie in Halbtrockenrasen, Steppenrasen, steinigen Küsten oder mediterranen Gebirgen.

Abb. oben: Mutiger Neubürger aus dem Mittelmeerraum: Mittlerweile zählt der Purpur-Storchschnabel in Kärnten zu den erfolgreichsten Eisenbahnpflanzen, wenn es um das Vordringen bis zum Schienenrand geht. Die Pflanze wurde in Österreich 1951 am Grazer Frachtenbahnhof das erste Mal entdeckt, aber erst 40 Jahre später als eigene Art erkannt. Abseits des Bahndammes hat noch immer der nahe verwandte Stink-Storchschnabel das Sagen. (Foto: ©Vogt)

In der sonderbaren Reisegesellschaft befinden sich neben Neophyten mit unbekanntem Reiseziel auch selten anzutreffende bis hin vom Aussterben bedrohte Archäophyten, welche den Menschen seit rund 10.000 Jahren mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht begleiten und sich heute in der intensiven Kulturlandschaft immer weniger behaupten können. Für den in Kärnten vor rund 15 Jahren als ausgestorben gegoltenen Rundblatt-Storchschnabel (Geranium rotundifolium) bietet das Gleisbett mit seinem Grobschotter einen konkurrenzarmen Zufluchtsort. Auch der sonst im pannonischen Österreich nur zerstreut vorkommende Finger-Steinbrech (Saxifraga tridactylites), welcher in mediterranen Trockenwäldern seine Hauptverbreitung besitzt, kann entlang der Gleise wieder aufholen. Am Ende wird der Bahndamm gleichzeitig zu einem „Auffanglager“ für Neubürger und Refugium für Alteingebürgerte.

Abb. oben: Mit meist nur 10cm Höhe im Gleisbett kann man schon einmal übersehen werden: Der Finger-Steinbrech ist unter den heimischen Steinbrechgewächsen der einzige einjährige Vertreter und blüht bereits ab April. Ende Mai sieht man nur mehr die Fruchtstände. (Foto: ©Vogt).
Abb. oben: Von den Toten auferstanden: In Kärnten galt der Rundblatt-Storchschnabel noch vor rund 15 Jahren als ausgestorben. Heute holt die Pflanze entlang der Südbahnstrecke wieder auf. (Foto: ©Vogt)

Indianer am Bahndamm?

Die Zuni-Indianer hätten mit dem österreichischen Schienennetz ihre Freude. Der auf sandigen und trocken-warmen Bahnböschungen in Österreich häufig anzutreffende Gewöhnlich-Reiherschnabel (Erodium cicutarium) wird von der nordamerikanischen Ethnie in Form eines eingespeichelten Frischpflanzenbreis topisch gegen unspezifische Hautleiden verwendet. Auf Grund der adstringierenden („zusammenziehenden“) Gerbstoffe mit dem experimentell gut untersuchten und wirksamkeitsbestimmenden Geraniin sowie entzündungshemmenden Flavonoiden ist die Anwendung pharmakologisch durchaus plausibel. Die Navajo verwenden Zubereitungen des frischen Krautes als Antiseptikum bei von Berglöwen zugefügten Verletzungen.

Abb. oben: Der Gewöhnlich-Reiherschnabel ist auf sandigen Böden am Bahndamm erfolgreich und lädt zu einer ethnopharmakologischen Betrachtung ein. Außergewöhnlich sind jedenfalls seine Früchte, die sich als Bohrkletten bei Feuchtigkeit hygroskopisch in den Boden drehen. (Foto: ©Vogt)

Burgenpflanze sucht Ritter mit der Bahn

Das Hervorbringen milchsaftführender tropischer Lianen gehört zur eigentlichen Domäne der rund 4500 Arten umfassenden Familie der Hundsgiftgewächse. Die immergrünen Blätter und auffallenden Blüten einiger Arten luden den Menschen schon früh zur Kultivierung als Zierpflanzen für Klöster, Burgen und Schlösser ein. Die Zeit des ritterlichen Minnesanges ist längst verstrichen, doch an manchen Stellen „spielt“ das Groß-Immergrün (Vinca major) mit seinen blauen Stieltellerblüten als Kulturrelikt noch immer weiter. Mit Hilfe von Adventivwurzel bildenden Ausläufern kann der aus SW-Asien stammende Halbstrauch Bahnböschungsbereiche regelrecht erobern.  

In geographischen Zonen mit Jahreszeitenklima spielten wintergrüne Pflanzen seit jeher eine besondere Bedeutung in der Volksmythologie, da sie als Rückzugsort für Vegetationsgeister und Quelle für immer wiederkehrendes Leben angesehen wurden. Auch die Gattung Wintergrün wurde in Rituale und Bräuche für die Winterszeit aufgenommen. So warfen beispielsweise Jungfrauen in der Vornacht zum 24. Februar neben einem Strohkranz auch einen aus Wintergrün und Efeu geflochtenen Kranz in den Bach. Gelang es dem Mädchen den grünen Kranz rücklinks und ohne zu schauen als ersten aus dem Wasser zu heben, durfte sie auf Glück in der Liebe hoffen.

Abb. oben: Im Unterschied zum häufigen Klein-Wintergrün (Vinca minor) sind die Kelchblätter und der Rand der Laubblätter deutlich bewimpert. Auch die Blüten sind mit 4-5 cm Durchmesser um rund 1,5 cm ausladender als bei der verwandten Art. (Foto: ©Vogt)

Salat im Gleisbett

Die beste Chance in Kärnten wilden „Vogerlsalat“ zu findet hat man entlang der Bahngleise der österreichischen Bundesbahnen. In diesem Fall handelt es sich um den Gewöhnlich-Feldsalat (Valerianella locusta), der im Alpenraum zwar weit verbreitet, aber potentiell gefährdet ist. Das relativ zarte und anatomisch kaum an trocken-heiße Standorte angepasste Geißblattgewächs besitzt allerdings ein cleveres „Timing“, um im Bahnschotter erfolgreich zu sein. Die Samen keimen bereits im Herbst, sodass die Pflanze als Rosette überwintern und die bessere Wasserversorgung im Frühjahr sofort ausnützen kann.

Abb. oben: Dem Schweizer sein „Nüsslisalat“: Gerade einmal 2mm sind die bläulich-weißen Blüten des Gewöhnlich-Feldsalates lang und liefern mit der scheinbar gabeligen, sogenannten dichasialen Verzweigung dennoch einen attraktiven Gesamteindruck. (Foto: ©Vogt)

Was schwingelt im Bahnschotter?

Zehn Jahre nach dem Erstfund für Österreich in Wien-Alsergrund taucht der Wimper-Federschwingel (Festuca ciliata) nun auch in Kärnten auf. Im Zuge der Klimaerwärmung dehnt sich das Areal des einst nur auf Südeuropa und Asien beschränkten Süßgrases nach Norden aus. Auf der Suche nach dem im pannonischen Österreich heimischen Mäuseschwanz-Federschwingel gelang mir durch Zufall der Erstnachweis dieses neophytischen Grases für das Bundesland Kärnten.

Abb. oben: Entlang der Gleise kann man nicht nur vom Aussterben bedrohte Alteingebürgerte, sondern auch Neuankömmlinge wie den Wimper-Federschwingel entdecken. Ob sich das Süßgras zu einem invasiven Neophyten auf Störungsflächen entwickeln wird, bleibt vorerst abzuwarten. (Foto: ©Vogt)

Erfolg mit großer Lippe

Die in Hochgebirgen Südeuropas und mediterranen Sanddünengesellschaften heimische „Klaffnase“, wie der Gewöhnlich-Klaffmund (Chaenorhinum minus) volkstümlich auch genannt wird, zählt mittlerweile zu den treuen Fahrgästen der österreichischen Bundesbahnen. Was die meist nur 5-15cm hoch werdende Pflanze bei der Ausbildung des Wurzelsystems in sandig-kiesigen Bereichen des Bahndammes spart, investiert das einjährige Wegerichgewächs in die frühe und verhältnismäßig große Blüte mit einer auffälligen Unterlippenwulst. Und falls das Spiel mit Biene Mayas Freunden ausbleibt, wechselt die Pflanze einfach auf Selbstbestäubung.

Für unseren Klaffmund konnten bisher 3 Alkaloide nachgewiesen werden, die man auch in arzneilich genutzten Meerträubelarten findet. Allerdings handelt es sich dabei nicht um das bekannte Ephedrin, sondern um vollkommen anders „gebaute“ und pharmakologisch entgegengesetzt wirkende Sperminalkaloide. In tierexperimentellen Studien konnte eine hypotone Wirkung nachgewiesen werden, während Meerträubelzubreitungen bekanntlich blutdrucksteigernd wirken. Ob das Wegerichgewächs eine Pflanze zur sinnvollen Begleitung leichter Hypertonien ist, werden wir wohl nie erfahren.

Abb. oben: Von Schutthalden griechischer Gebirge ins Schotterbett österreichischer Gleise: Die „Klaffnase“ trägt hier an der Südbahnstrecke bereits im Mai ihre ersten Fruchtkapseln. (Foto: ©Vogt)

Als Refugium für konkurrenzschwache, an magere und trocken-warme Lebensräume angepasste Wildpflanzen besitzt der Bahndamm ein bisher unterschätztes naturschutzrelevantes Potential und lädt zu einer Reihe von Entdeckungen ein.

Viel Spaß beim Aufspüren weiterer Eisenbahnpflanzen wünscht euer Phytagoras!