Die Suche nach der „besten“ Schafgarbe

Die Suche nach der „besten“ Schafgarbe

Abb. oben: Die „Weiße Steinraute“ (Achillea clavenae) ist eine geschätzte Volksarzneipflanze und wächst meistens gesellig im steinigen Rasen oder in Kalkschuttfluren oberhalb der Bergwaldstufe. Ist sie die "beste" Schafgarbe? (Foto: Vogt)

Ohne Zweifel meinte es der Gott der Heilkunst gut mit dem Alpenmenschen, als er die „Ivapflanze“ und das „Zandelkraut“ vorausschauend in die Berge setzte. Damit wurden zumindest zwei alpine Schafgarbenarten gewonnen, die leicht zu erkennen sind. Ganz anders liegt der Fall bei der Artengruppe „Echt-Schafgarbe“, wo das Bestimmen selbst für Botaniker zur Achillesferse werden kann.
Das wäre weiterhin nicht problematisch, wenn aus Sicht der pharmazeutischen Forschung der Großteil aller Schafgarben, darunter z.B. auch die Wiesen-Echt-Schafgarbe, für Heilzwecke „unbrauchbar“ ist. Ausgerechnet der Held, dem das Geheimnis der wundheilfördernden Schafgarbe als ersten Sterblichen offenbart wurde, fand sein tragisches Ende durch einen Pfeil in seiner berühmt gewordenen Ferse. Offenbar gab es schon damals Ungereimtheiten mit der Schafgarbe oder Achilles hatte einfach nicht gut aufgepasst.

Abb. oben: Einen weiseren Lehrmeister als den Zentauren Cheiron hätte sich Achilles nicht wünschen können und wurde von ihm auch in der Heilpflanzenkunst unterrichtet. Dennoch konnte die ihm anvertraute Schafgarbe nicht vor dem tödlichen Pfeil retten. Bildquelle: G.C. Testa (17. Jhd.), Kunstmuseum San Francisco.

Abgesehen von der Moschus-Schafgarbe (Achillea moschata) besitzt wohl keine Schafgarbe der Gebirge so viel Wertschätzung in der Volksheilkunde wie die Steinraute (Achillea clavenae), die in Kärnten auch „Zandelkraut“ heißt. Als einzige von „Kopf bis Fuß“ seidig-filzig behaarte Schafgarbenart besitzen die mittleren Stängelblätter eine fiederlappige bis fiederteilige Blattspreite mit beiderseits 2-5 Abschnitten.

Abb. oben: Seitlicher Blick auf die Schirmkorbrispe der Steinraute: Pro Stängel werden zwischen 6 und 25 Körbe ausgebildet, die jeweils von 5-8 weißen Zungenblüten umhüllt sind. (Foto: Vogt)

Zandelkraut zwischen Tradition und Forschung

Die Vielzahl der volkstümlichen Namen wie „Weißer Speik“, „Weißer Wermut“, „Zandelkraut“, „Almwermut“, „Bittere Schafgarbe“ oder „Unser Frauen Rauch“ zeugen von einer Kulturgeschichte in vielen Regionen der Alpen. Dabei stand die Begleitung von Beschwerden des Verdauungsapparates im Vordergrund der Nutzung. Das bitter-aromatische Kraut wurde aber auch für schutzbringende Räucherrituale verwendet und Kindern wurden die samtigen Blätter als Einschlafhilfe über die Augenlieder gelegt. Ein ähnliches Einschlafritual finden wir übrigens bei kalifornischen Indianern, die zu diesem Zweck die zarten Blütenblätter von Goldmohn nutzen.
Die Steinraute beherrscht im Wesentlichen die für die Gruppe Echt-Schafgarbe nachgewiesenen „Sprachen“ mit antimikrobiellen, entzündungshemmenden, krampflösenden und Gallenfluss fördernden „Vokabeln“. Für das Flavonol „Centaureidin“ wurde in in-vitro Versuchen eine immunstimulierende Wirkung durch einen Anstieg im Interferon-gamma-Spiegel nachgewiesen. Einige Inhaltsstoffe der Steinraute, darunter auch die für Korbblütler typischen Guaianolide, zeigen unter experimentellen Bedingungen zudem antitumorale Eigenschaften. Solche Ergebnisse besitzen im Normalfall aber leider keine therapeutische Relevanz für den Menschen, der eben mehr als eine Zellkultur darstellt.

Abb. oben: In den Karawanken findet man die Schwarzrand-Schafgarbe (A. atrata) in Kalk-Schneetälchen. Für Heilzwecke wurde diese kaum aromatische Pflanze nicht genutzt und will nur bewundert werden. (Foto: Vogt)

Manchmal darf man getrost seinem Geruchs- und Geschmackssinn vertrauen, um das Potential einer Pflanze einschätzen zu können. Beim Drogentyp der Amara aromatica, also den aromatischen Bitterstoffdrogen, zu denen auch Schafgarbenkraut zählt, funktioniert das besonders gut. Die im Kalkgebirge in alpinen Schuttfluren mit langer Schneebedeckung und steinigen Schneetälchen zerstreut anzutreffende Schwarzrand-Schafgarbe (A. atrata) besitzt nicht nur zarte, maximal 1mm breite Blattabschnitte, sondern ist auch sehr „zärtlich“ im Geschmack und wurde von den Älplern wohl deshalb nicht genutzt.

Abb. oben: Bis zu zehn Einzelkörbe bilden bei der Schwarzrand-Schafgarbe den Hauptschirm. Während viele Schafgarbenarten 4-5 Zungenblüten pro Korb ausbilden sind es hier meist mehr als 6. (Foto: Vogt)

Falscher Deutscher Bertram

So treffsicher wie in der Alpinstufe funktioniert die „Schafgarbentombola“ unten im Tal aber nicht. Eine Ausnahme bildet die mit einem einzigen Blick auf die Laubblätter identifizierbare Bertram- oder Sumpf-Schafgarbe (A. ptarmica): Der „Wilde Bertram“ ist die einzige heimische Schafgarbe mit ungeteilten und regelmäßig gesägten Blättern. In Kärnten sollte man das Hexen mit der alten Zauberpflanze aber unterlassen, denn die an Feuchtbiotope gebundene, bis 1 Meter hohe Staude steht unter vollkommenen Naturschutz!  

Abb. oben: In der Staudenflur entlang von Bächen und in wechselfeuchten Wiesen erhebt sich bis 1 Meter Höhe die Bertram-Schafgarbe. Mit ihren ungeteilten Blättern hebt sie sich von allen anderen Gattungsvertretern ab. (Foto: Vogt)

Die Achillesferse der Gattung Achillea

Bis heute kann weltweit kein Botaniker mit Sicherheit sagen, welche Schafgarbe besonders „heilkräftig“ ist. Selbst wenn ihm das Kunststück der sicheren Zuordnung zu einer Sippe gelingen sollte, bleibt der Fall kniffelig und ist mittels Lupe kaum zu lösen.
Der Genetiker kann nach aufwendiger Methode zumindest einen Tipp abgeben, denn nach mehrheitlicher Ansicht sind diploide und tetraploide Rassen reicher an erwünschten Sesquiterpenen. Der Pharmazeut weiß alles besser. Und zwar im Nachhinein: Liegt der Gehalt an Proazulenen, die sich im Zuge der Wasserdampfdestillation hübsch blau verfärben, über 0,02% in einer Droge mit mindestens 0,2% ätherischem Öl, dann wuchs auf der Wiese eine arzneibuchkonforme Schafgarbe. Das klingt für Wald- u. Wiesenhüpfer nicht wirklich praktikabel. Was soll man aber machen, wenn sich die schlausten Botaniker noch nicht einmal darüber einig sind, wie man die Artgruppe Echt-Schafgarbe (Achillea millefolium agg.) überhaupt untergliedert und welche Merkmalskombinationen zu welcher Sippe gehören.

Abb. oben: Der gesamte Blütenstand am Ende des Stängels wird als Schirmkorbrispe oder Hauptschirm bezeichnet. Sein Durchmesser erreicht bei der Eigentlichen Echt-Schafgarbe meist 5-15, durchschnittlich 10 Zentimeter. Dabei ist der „zentrale“ Teilschirm länger als 1,5cm ist. In Österreich gilt diese Gruppe als azulenfrei und ist damit nicht arzneibuchtauglich. (Foto: Vogt)

Besonders amüsant ist die Entdeckung, dass Sippen der Eigentlich Echt-Schafgarbe (A. millefolium s. str.) und damit angeführte Stammpflanzen für die Arzneibuchdroge „Schafgarbenkraut“ überhaupt azulenfrei waren und deshalb in Apotheken gar keine Verkehrstauglichkeit besitzen dürften. Wie sieht nun die berühmte „Apothekenqualität“ aus, wenn der Großteil der Droge aus SO-Europa stammt, wo „Schafgarbe“ noch häufig in Wildsammlung geerntet wird? Entweder verfügen die Hilfskräfte über hellseherische Fähigkeiten („Azulen-Blick“) oder es müssten nach Arzneibuchprüfung jedes Jahr hunderte Kilogramm Erntematerial entsorgt werden. Die alleinige Überprüfung von mindestens 0,2% Gesamt-Ätherisch-Öl am Prüfzertifikat ist jedenfalls kein wirkliches Qualitätsmerkmal, wenn viele Rassen den 5-fachen Wert erreichen. Vielmehr kommt es auf die Zusammensetzung des Öles an.

Abb. oben: Bei der Gewöhnlichen Echt-Schafgarbe (A. millefolium ssp. millefolium) sind die Hüllblätter der einzelnen Körbe hellgrün bis hellbraun berandet. Die Korbhülle der Wiesen-Echt-Schafgarbe wäre weitgehend kahl. (Foto: Vogt)

Rot, rot, rot ist alles was ich liebe?

Soll man nun auf die bekannte Volksweisheit setzen, dass rötliche Schafgarben besonders heilkräftig sind? Dann müssten wenigstens Blassrote Echt-Schafgarbe (A. roseo-alba), Gebirgs-Echt-Schafgarbe (A. millefolium ssp. sudetica), rosa blühende Wiesen-Echt-Schafgarben (A. pratensis) und rötliche Varianten der Gewöhnlich Echt-Schafgarbe (A. millefolium ssp. millefolium) allesamt azulenreich und „wirksam“ sein. Leider verrät uns die Farbe alleine wenig über das stoffliche „Innenleben“ der Pflanze und gerade Vertreter der häufig vorkommenden und oft rosa färbigen „Millefolium-Gruppe“ gelten bei uns als azulenfrei.

Abb. oben: Die Farbe Rot sagt leider wenig über das „Innenleben“ der Schafgarbe aus. Sippen der Blassroten Echt-Schafgarbe (Bild) gelten allerdings in Österreich als azulenreich. In Deutschland verhält sich nach älteren Untersuchungen der Fall aber umgekehrt. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Die "Gebirgs-Schafgarbe" oder "Sudeten-Schafgarbe" (A. millefolium ssp. sudetica) wird im Volksmund für besonders heilkräftig angesehen. Während die Blaßrote Schafgarbe tatsächlich azulenreich ist, trifft das für diese "Spielform" der Eigentlichen Echt-Schafgarbe aber nicht zu. Ihr Stängel ist auffallens dick und die Zungenblüten sind meist breiter wie lang. (Foto: Vogt)

Für Kärnten, Vorarlberg und vielleicht auch Nord-Tirol verbirgt sich aber dennoch ein Funke Wahrheit in diesem auch von der modernen Signaturlehre aufgegriffenen Volksglauben: Für die hell- bis dunkelrosa blühende Blassrote Echt-Schafgarbe  (A. roseo-alba) sind azulenreiche Sippen bekannt und nur in Kärnten kann äußerst selten auch die azulenhaltige Hügel-Echt-Schafgarbe (A. collina) rot blühen.

Soll man im restlichen Österreich nun die Hoffnung eine „heilkräftige“ Schafgarbe zu finden aufgeben? Mit Sicherheit nicht, denn man kann unser „Grundheil“ nicht auf einer einzigen Stoffgruppe nach Arzneibuchspielregeln aufhängen. So hat jede der aktuell 15 in Mitteleuropa bekannten chemischen Rassen (Chemoökotypen) der Artengruppe Echt-Schafgarbe ihre eigene „Tugend“ und genau in dieser Vielfalt liegen noch ungeahnte Anwendungsgebiete und „Feinheiten“ des Achilleskrauts.

Abb. oben: Auf dieser Tasse fehlt natürlich der Deckel, um die 0,2-1% ätherischen Öle zu halten. Da die Schafgarbe aber auch eine typische Flavonoidpflanze darstellt, empfehle ich eine Ziehzeit von mind. 15 Minuten. (Bildquelle: Adobe, lizenziert)

"Schafgarbe im Leib, tut wohl jedem Weib!"

Von den vielen bekannten inneren und äußeren Anwendungen von Schafgarbenkraut soll zumindest eine hervorgehoben werden: Unser „Frauendank“ ist die einzige Pflanze, für welche die ehemalige Expertenkommission E eine positive Monographie bei nervös bedingten „Spannungszuständen“ im kleinen Becken (Paramethropathia spastica) für die äußere Anwendung verabschiedete. Für ein Sitzbad können 50 g Schafgarbenblüten bzw. 100 g Schafgarbenkraut mit 1 Liter heißem Wasser übergossen werden und nach 15 Minuten bedecktem Ziehen und Abseihen in 20l Badewasser gemengt werden.

Die begleitende innere Anwendung in Form von Tee kann Grund der spasmolytischen Wirkung und der Beeinflussung des sympathischen Nervensystems das Baderitual sinnvoll unterstützen. In der Empfehlung spiegelt sich auch die alte Volksweisheit „Schafgarbe im Leib, tut wohl jedem Weib!“ wieder.

Die aktuellen Empfehlungen der HMPC-Monographie für die innere Anwendung von Schafgarbenkraut lauten:

  • Tee (Infus): 2-4g Droge mit 250ml kochendem Wasser überbrühen, 3-4 Mal tgl. zwischen den Mahlzeiten.
  • In Form des Frischpflanzenpresssaftes sollen 5-10ml 2-3 Mal tgl. eingenommen werden.
  • Die Tinktur soll im Drogen-Extrakt-Verhältnis von 1:5 mit 45 Vol.-% Ethanol hergestellt werden.
Abb. oben: Für die Bestimmung von Schafgarben sind die mittleren Abschnitte (gelbe Markierung im Bild) der gefiederten Laubblätter von Bedeutung. Das Bild zeigt das meist 10-fach längere wie breitere Blatt einer Gewöhnlich-Echt-Schafgarbe mit typischer Teilung. (Foto: Vogt)
Abb. oben: In der Exkursionsflora für Österreich sind die typischen Abschnitte heimischer Schafgarben skizziert. Das Bild zeigt eine Auswahl: Hügel-Echt-Schafgarbe (1a+b), Blassrote Echt-Schafgarbe (2), Gewöhnliche Echt-Schafgarbe (3a+b), Wiesen-Echt-Schafgarbe (4a+b). Quelle: Fischer M. et. al. 2008. In: Exkursionsflora f. Österr., 3. Aufl.

Wer sich in Österreich (ältere Untersuchungen von Sippen anderer Länder zeigen offenbar andere Ergebnisse) dennoch an den auch für die Echt-Kamille typischen Proazulenen festhalten möchte, sollte sich an die Hügel-Echt-Schafgarbe (A. collina) halten. Sie ist an den auffallend kleinen (d=2-4 cm) Schirmkorbrispen, den gedrehten Fiedern der mittleren Laubblätter, dem horstigen Wuchs, der Behaarung und an den rein weißen Blüten zu erkennen.

Ein mögliches Argument nach azulenreichen Sippen zu suchen liegt für die topische Anwendung von Schafgarbenkraut, da spezielle Sesquiterpen-Allergene in diesem Chemotyp bisher nicht nachgewiesen wurden. Wer allerdings an einer bekannten Korbblütlerallergie leidet, wird nicht mit Gewalt eine hautfreundliche Schafgarbenzubreitung suchen und alternative Pflanzen finden.

Vielleicht sollten wir uns in Zukunft besser an den Zentauren Cheiron als an das Europäische Arzneibuch halten und etwas genauer hinhören, als das Achilles bei seiner Unterweisung einst getan hat.

Viel Freude beim Rätselraten mit den Schafgarben wünscht Euer Phytagoras!

Zandelkraut-Maisauflauf

Abb. oben: So sieht die offenfrische "Zandelkraut-Pizza" aus. (Foto: Vogt)

Für das richtige Bestimmen von Schafgarben darf man sich natürlich auch kulinarisch belohnen. Hier mein Rezeptvorschlag für frische Steinrautenblätter:

„Zandelkraut-Pizza“

1 Tasse Maismehl in Gusseisenpfanne trocken erhitzen (linden), Salz und geriebene Muskatnuss untermengen und mit doppelter Menge kochendem Wasser aufgießen. Masse bedeckt ziehen lassen und in eingefettete Kasserolle füllen und flachstreichen. 2-3 Zwiebel in Olivenöl anschwitzen und mit 700g frisch geschnittenen Tomaten schonend dünsten. Mit Salz, Pfeffer und ½ Hand frisch gesammelten, kleingehackten Steinrautenblättern würzen. Sugo über Maisboden gießen und mit 6 Scheiben Bergkäse überlegen. 2 Eier mit 3 EL Sauerrahm und 1 Pkg. Schafskäse verquirlen und in Kasserolle verteilen. Einige Steinrautenblätter mit etwas Olivenöl benetzen, salzen und auf die „Haube“ legen. Im Rohr bei ca. 170° C Umluft backen und am Ende auf Oberhitze wechseln.

Terminaviso 2020 – Mensch begegnet Pflanze im Gebirge

Ethnobotanische Wandertage in den Karawanken

„Karawankenmohn & Zandelkraut“: 25.06. – 28.06.2020

„Steinwurz & Gaizvenichel“: 23.07. – 26.07.2020

  • Exklusives Kennenlernen der Südalpenflora von der Bergwald- bis in die Alpinstufe in einer Kleingruppe (max. 9 Personen)
  • Botanische, volksheilkundliche und pharmazeutisch-wissenschaftliche Pflanzenbetrachtungen
  • Zwei mittellange und zwei kurze Wanderungen
  • 1 Ethnobotanik-Workshop (2 Darreichungen für zu Hause)
  • Möglichkeit zur professionellen Pflanzenbestimmung am Abend (Österr. Exkursionflora, Binokular, individuelle Hilfestellung)
  • Ausgewählte Karawanken-Teemischungen zum Frühstück
  • Unterkunft im romantischen Bodental mit Einzelzimmervariante