Angelica flieg!
Engel-Flüge in der Phytotherapie
- 13. Dezember 2025
- 09.00 – ca. 17:30
- Mittagspause: 13:00 - 14:00
- 95,-
- max. 14 Teilnehmer
- 9170 Köttmannsdorf
- Referent: Mag. Dietmar Vogt
Die Gattung Engelwurz in Tradition und moderner Heilpflanzenpraxis
Motivation
Gibt es für die traditionsreiche Engelwurz eine Zukunft in der modernen Phytotherapie?
Nach rund 600 Jahren fester Verankerung in unserer Erfahrungsheilkunde hat der europäische Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Echt-Engelwurz mit einer realitätsfremden Risikobewertung die Anerkennung als traditionelles Heilmittel untersagt.
Für eine Akzeptanz der Chinesischen Engelwurz reichten dem europäischen Fachgremium selbst 2000 Jahre hervorragend dokumentierte ärztliche Erfahrung und intensive experimentelle Forschung mit einer der am häufigsten eingesetzten Pflanzendrogen in der TCM allerdings auch nicht aus. Will man den Engeln in Europa das Fliegen verwehren?
Können wir aber auf die warmen, süß-scharfen, bitteren und damit bewegenden, nährenden, zerstreuenden und ableitenden Arzneien der Gattung Angelica in der modernen Phytotherapie leicht verzichten?
Die Flugbahn des „Erzengels“ (Angelica archangelica) erreichte in der Volksmedizin einst Atemwegsinfekte als „Brustwurzel“, Beschwerden im Verdauungsapparat als „Heiligenbitter“, die Behandlung von Wunden als „Wundwurzel“ oder z.B. die Begleitung von Schmerzen im Schädel als „Zahnwurzel“. Alles nur naiver Volksglaube oder sind diese Indikationen auch pharmakologisch plausibel?
Ähnlich wie für das Baikal-Helmkraut, konnte für die Echt-Engelwurz eine Hemmung des bedeutsamsten molekularen „Werkzeuges“ sämtlicher Coronaviren, der sog. Main-Protease (3CLpro), experimentell nachgewiesen werden. Begründet das alleine die heilsame „Brustwurzel“ und „Luftwurzel“ unserer Altvorderen bei viralen Atemwegsinfekten? Natürlich nicht. Viel bedeutsamer als eine spezifisch antivirale Wirkung sind die körperseitigen, immunmodulierenden Eigenschaften des Engelwurz-Vielstoffsystems, welches sich vor allem zu Infektbeginn klinisch bewährt.
Mit dem gleichen Wirkmechanismus wie z.B. die Pfefferminze oder die Echt-Kamille vermittelt die Echt-Engelwurz eine nachweislich krampflösende Wirkung auf glattmuskuläre Organe, weshalb die Verwendung des „Heiligenbitters“ bei dyspetischen Beschwerden mit Spasmen gerechtfertigt ist. Im Unterschied zur Kamille fördert die Engelwurz als Cholagogum aber stärker die Verdauung und bietet zur ebenfalls die Gallensekretion steigernden Wirkung der kühlen Pfefferminze eine thermisch warme Alternative. Darüber hinaus konnte für den Doldenblütler eine ulkusprotektive Wirkung nachgewiesen werden, die nicht wie bei der Kamille auf einer typischen Entzündungshemmung, sondern auf einer beschleunigten Regeneration der Schleimhautzellen beruht. Am Ende bleibt die warm-bitter-scharfe Echt-Engelwurz alleine auf der Betrachtungsebene des Verdauungsapparates einzigartig und kann weder durch Kamille, Pfefferminze oder eine andere „Verdauungspflanze“ ersetzt werden.
Wohin fliegen aber die Engel, die in anderen Medizintraditionen seit Jahrhunderten genutzt werden, wie z.B. die Flaum-Engelwurz (A. pubescens), die Sibirische Engelwurz (A. dahurica) oder die von der EMA abgewiesene Chinesische Engelwurz (A. sinensis)? Können sie einfach gegeneinander ausgetauscht werden, wie Sebastian Kneipp einst die Rochade zwischen Echt-Engelwurz und Wild-Engelwurz voreilig vorgeschlagen hat?
Nicht ohne Grund werden in der traditionellen chinesischen Medizin verschiedene Engelwurzarten seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Arzneimittelkategorien geführt. Durch artspezifische Wesenseigenschaften und einem ausgeprägten Organtropismus, also eine auf bestimmte Organe und Gewebe ausgerichtet Wirkung, liefert die Gattung Angelica sehr unterschiedliche Arzneien.
So zeigt zum Beispiel die Sibirische Engelwurz eine hohe Spezifität zu Störungen im Nasen- und Stirnbereich und vertreibt bevorzugt „Kälte und Feuchtigkeit bei Wind“, der sich beispielsweise als Nasennebenhöhlenentzündung oder als wetterbedingter Stirnkopfschmerz manifestiert hat. Sie gehört in Kombination mit anderen Pflanzendrogen zu den häufigsten bei Migräne verordneten Arzneien in der modernen chinesischen Phytotherapie und zeigt auch damit ihre starke Bindung zu Störungen im Kopfbereich an.
Will man „Wind-Feuchtigkeit“ wie z.B. rheumatische oder muskuloskelettale Beschwerden aus den unteren Extremitäten vertreiben und verschlechtert sich die Symptomatik durch Kälte, wendet man sich häufig an die Flaum-Engelwurz (A. pubescens). Sie spezifiziert als sog. Meldearznei auch die Wirkung einer Rezeptur auf die Beine und nach Ansicht einiger erfahrener Ärzte insbesondere auf die Füße. Dennoch hat sie sich auch bei Zahn- und Kieferschmerzen in Asien bewährt und findet damit Anschluss an die vergessene Verwendung unserer Echt-Engelwurz als „Zahnwurzel“.
Besteht die medizinische Notwendigkeit das Blut zu ergänzen, zu bewegen und den Blutfluss zu harmonisieren, findet man in der Wurzel der Chinesischen Engelwurz eine wertvolle und unersetzbare Arznei. Im Unterschied zu anderen „Blut-Tonika“, wie z.B. Weiß-Pfingstrosenwurzel, präparierte Rehmanniawurzel oder Weiß-Maulbeerfrüchte, ist die Chinesische Engelwurz auf Grund ihre Wärme deutlich stärker dynamisierend und zirkulationsfördernd und wirkt im Vergleich zu anderen Angelika-Arten auf Grund ihrer Süße aber auch nährend und befeuchtend. Bei zahlreichen Blutmangel- und Blutstauungsmustern sowie Störungen im Herz-Kreislaufsystem wie z.B. Mikrozirkulationsstörungen, entzündlichen Gefäßerkrankungen, Raynaud-Syndrom, Kopfschmerz durch „Leberblutmangel“, Dysmenorrhö, orthostatische Dysregulation, Tinnitus oder Hämatomen hat sich die Verwendung der Chinesischen Engelwurz klinisch bewährt.
Letztendlich bringt die Gattung Engelwurz einzigartige und unersetzbare Arzneien hervor, auf die eine weitsichtige und differenziert vorgehende Phytotherapie im 21. Jahrhundert nicht verzichten kann!
Seminarziele und Leistungen
- Kennenlernen von Echt-Engelwurz, Chinesischer Engelwurz, Flaum-Engelwurz und Sibirischer Engelwurz in traditioneller Anwendung, Forschung und moderner Phytotherapie.
- Verstehen lernen von Eigenschaften und Wirkmechanismen als Grundvoraussetzung für das magistrale Rezeptieren.
- Auseinandersetzung mit bedeutsamen medizinhistorischen Rezepten mit Anpassung an die moderne Phytopraxis.
- Engelwurz in der Phytopraxis: Gemeinsames Rezeptieren zu Fallbeispielen mit Sinusitis, Kopfschmerz und Migräne, Rheuma, Raynaud-Syndrom, Dysmenorrhö und Angiopathien.
- Anschauungsdrogen und Drogenverkostung.
- Ausführliche Nutzen-Risiko-Darstellung zu Furocumarinen.
- Umfangreiches Seminarhandout.
Anmeldung:
Veranstaltungsort:
Kirchenstraße 8,
9071 Köttmannsdorf,
unterer oder oberer Pfarrsaal