Willkommen in der NEM-Galaxie!

Wer heute ein „Superhirn“ benötigt, geht am besten ins Reformhaus. Dort findet der erschöpfte und gestresste Mensch in einem hoffnungstragenden Regal mit der Aufschrift „Brainfood“ eine Palette bunt schillernder Nahrungsergänzungsmittel (NEM). Bereits ab 6,30 € können Gedächtnis und Konzentration für 1 Monat Dauer gekauft und in praktischer Kapselform „eingeworfen“ werden. Waren Design und Verpackung allerdings aufwändig oder wird gar ein „Depot-Effekt“ für geistige Fitness versprochen, so muss man schon zweimal auf sein Wienerschnitzel mit Pommes Frites verzichten. Selbst wenn der pflanzliche Anteil meistens weit unterhalb der präventiv oder therapeutisch wirksamen Dosis liegt, triggern bekannte „Modepflanzen“ wie Ginkgo, Ginseng, Rosen- oder Taigawurz in hübschen Bildern außen, statt in der notwendiger Konzentration innen, den Griff zum Geldbörserl.

Werbetexter und Graphiker designen Gesundheit

Dem aktuellen Wildwuchs von NEM ist kaum mehr Einhalt zu gebieten und stellen den Gesundheit suchenden Menschen und Phytotherapeuten vor eine zunehmend große Herausforderung. Während sich nämlich hinter einem Teil der Pflanzenpräparate ernst zu nehmende und aus Zulassungshürden „maskierte Phytopharmaka“ mit hoher Qualität verbergen, erfüllt ein anderer und größerer Teil gerade das Kriterium der Unbedenklichkeit nach dem Lebensmittelgesetz. (Letzteres darf nicht mit dem dramatisch strengeren Unbedenklichkeitsnachweis im Arzneimittelgesetz verwechselt werden, dass z.B. bei traditionellen Pflanzenarzneien eingefordert wird.) Wie kann man sich im gegenwärtigen Dschungel aus sinnvollen, weil potentiell wirksamen oder eher sinnlosen, weil zwar bedenkenlosen, aber unwirksamen Pflanzenprodukten noch orientieren? Einen möglichen „Kompass“ liefern hier ernst zu nehmende Bücher, in denen sich Erfahrungsheilkunde und wissenschaftliche Forschung abseits von Profitdenken und einer aufgeblasenen Lifestyle- und Wellnessszene begegnen und bestimmte „Marschzahlen“ (z.B. empfohlene Einzel- u. Tagesdosis, Höchst- u. Mindestgehalte von wirksamkeitsbestimmenden oder toxischen Inhaltsstoffen, etc.) zur Anwendung vorschlagen. Das Herausfiltern ist nicht selten ein zeitaufwändiger Prozess und bedarf neben Fachwissen oft zusätzlich die Nachfrage beim Hersteller. In jedem Fall steigt der Druck auf wirtschaftlich zu führende Apotheken und ärztliche Praxen durch die regelrechte „NEM-Invasion“ und ihrer Lobby beträchtlich an. Dabei ist zu wissen, dass die gesetzlich als Lebensmittel definierten NEM auch nur die Minimalanforderungen des Lebensmittelgesetzes zu erfüllen haben und demnach gleich viel Wirksamkeit durch Traditionsbelege oder klinische Studien nachweisen müssen, wie eine Packung Schokobananen – nämlich gar keine. So wirft der kreative Drugdesigner oft bis zu 50 (!) populäre Bestandteile nach dem „A – Z“-Schema zusammen und überlässt den Rest nicht etwa dem Zufall, sondern dem Talent von Graphiker und Werbetexter.

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Abb. oben: Die Rosenwurz lockt mit Aussicht auf mehr psychische und physische Resistenz. Österreichweit steht das arktisch-alpine Dickblattgewächs unter Naturschutz und hat Aussicht auf Überleben. Wie viel Aussicht gibt es auf Entschleunigung und menschenfreundliche Arbeitsplatzbedingungen, damit Aufputschmittel außer Mode geraten? (Foto: D. Vogt)
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Abb. oben: Einfache Alternative bei mangelnder Konzentration statt Kapseln. Die Erfahrung zeigt, dass eine Tasse Wermuttee einen zentral anregenden, sog. psychedelischen Effekt vermittelt. Die Wirkung gegenüber Kaffee ist nicht nur "ausgleichender", sondern mitunter sogar stärker. Wer es geschmacklich "runder" möchte, kann eine Messerspitze Süßholzpulver mit aufgießen. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Wie kann man in der NEM-Galaxie noch navigieren und sinnlose von ernst zu nehmenden Lebensformen unterscheiden? Das Bild zeigt 2 Präparate aus dem (schrumpfenden) Universum der Phytopharmaka, einen Vertreter der traditionellen Pflanzenarzneien, ein anthroposophisches Mittel, sinnvolle und weniger sinnvolle NEM. (Foto: Vogt)

Gesetzgeber liefert NEM-Retorte

Mit dem „Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GMG) in Deutschland und entsprechenden Arzneimittelverordnungsrichtlinien in anderen EU-Ländern wurden bewährte pflanzliche Arzneimittel und in Folge die „dazu passende“ Phytotherapie in Ketten gelegt. Einer sonderbaren Logik des Gesetzgebers zu Folge wurden für therapeutisch bewährte und bekannt nebenwirkungsarme bis nebenwirkungslose Phytopharmaka dieselben Zulassungskriterien zum Erlangen einer vertragsärztlichen Verordnungsfähigkeit, wie für nebenwirkungsreiche Chemosynthetika abverlangt. Von den bis 1978 registrierten 78.000 rationalen Phytopharmaka haben beispielsweise in Deutschland gerade einmal 3,1% die neuen Zulassungsbestimmungen „überlebt“, weil die Wirtschaftlichkeit für kleine bis mittelgroße Unternehmen nicht mehr gegeben war. Ein vergleichsweise winziger Teil von 525 Pflanzenpräparaten konnte sich bis zum Jahr 2009 gemäß § 109a des Arzneimittelgesetzes (AMG) immerhin auf die Insel der sog. traditionellen Phytopharmaka hinüber retten. Die „Insellage“ wird durch den Verlust einer Erstattungsmöglichkeit und das eingeschränkte Indikationsgebiet für den Arzt gegraben.

Das kuriose „Zusammenleimen“ von Verschreibungspflicht und Erstattungsmöglichkeit kommt im Falle von Herz-Kreislauferkrankungen oder Demenzen der Volkswirtschaft letztlich teuer zu stehen, denn das präventive Potential von standardisierten Weißdorn- oder Ginkgo-Präparaten wird deshalb von einer breiten Bevölkerungsmasse nach wie vor unzureichend wahrgenommen. Selbst im Falle klinisch manifester Herzinsuffizienzen verschließt in Österreich der Hauptverband der Krankenkassen beide Augen vor der jedem Kräuterweiblein bekannten und bis hinauf zur New York Heart Association (NYHA) empfohlenen Weißdorn Add-on Therapie und schiebt das dornige Rosengewächs lieber in den sog. „No Box“-Status. Dabei fehlen dem Strauch hinsichtlich Nebenwirkungen und Gegenanzeigen sämtliche „Dornen“, ganz im Gegensatz zu chemosynthetischen Kardiaka.

Belohnung für nebenwirkungsreiche Medikamente

Durch den unfair gestalteten Ringkampf zwischen rationalen Phytopharmaka und Chemosynthetika – weil der Vorzug geringerer Nebenwirkungen nicht „belohnt“, sondern durch gleiche Zulassungshürden „bestraft“ wird – erleben wir einen zunehmenden Verlust allopathisch wirksamer Pflanzenarzneien, demzufolge einen Verlust klassisch phytotherapeutisch arbeitender Kassenärzte und eine wachsende Polarisierung zwischen Erfahrungsheilkunde und Schulmedizin. Verschärft wird die Lage natürlich deshalb, weil für die zulassungsüberschreitende, aber manchmal sinnvolle Anwendung von Pflanzenarzneien (z.B. „Off-label Use“ von Phytopharmaka in der Kinderheilkunde, um nebenwirkungsstarke Chemosynthetika zu umgehen) und für „magistrale Lösungen“ (individuelle Rezepturen durch den Arzt) nicht der Beipackzettel, sondern der verordnende Arzt haftet. So wendet man sich entweder lieber den erstattungsfähigen Chemosynthetika oder dem sicheren Boden mit Bachblüten-Essenzen, Gemmotherapeutika, Spagyrika und anderen Homöopathika als den allopathischen Pflanzenarzneien zu.

Lebensformen in der NEM-Galaxie

Das letzte Schlupfloch für die Inverkehrsbringung eines Phytopharmakons führt in das Reich der NEM. Diese „Zulassungsvariante“ erfordert grundsätzlich weder klinische noch pharmazeutisch-toxikologische Studien, keine Mutagenitätstests und keine Interaktionsstudien, welche im Falle von NEM der Gruppe 1 (siehe Tabelle) aber trotzdem vorliegen. Diese „maskierten Phytopharmaka“ sind die Antwort kleiner bis mittelgroßer Unternehmen auf die zeit- und kostenaufwändige Zulassung und gebären somit echte Alien in der NEM-Galaxie. Diese wird nämlich vornehmlich von anderen Lebensformen bevölkert, deren Absicht auf gesundheitliche Prävention oft schwer zu glauben ist. Seitens des Gesetzgebers dürfen NEM ja ohnehin keiner Verhütung von Krankheit dienen und eine solche auch nicht bewerben, aber Aufschriften wie „Zell- und Blutbildung“, „Geistige Fitness“, „Gedächtnis und Konzentration“, „Fat Burner“ oder „Gehirnum plus Herzaktivum“, suggerieren halt doch etwas anderes.  Im Beipackzettel des letztgenannten NEM der Gruppe 3 kann selbst ein Volksschüler schmunzeln, wenn dort steht:“ … besonders achten wir auf unser Gehirn und hören auf das Herz. Diese beiden Köperteile sind sehr wichtig für ein aktives und gesundes Leben.“ Wer darüber hinaus noch aktive Augen besitzt, sucht allerdings vergeblich nach einer Mengenangabe des Herstellers für den Ginkgo- und Weißdornextrakt, entdeckt dafür aber einen Tomatenauszug mit 5% Lycopin. Diesen findet man aber ebenso auf einem Pizzaeck und wird von diesem auch noch satt.

NEM-Gruppe Beschreibung
Gruppe 1 De facto rationale Phytopharmaka ohne krankheitsbezogene Werbung. Vorliegen von klinischen u. experimentellen Studien. Vollkommene phytochemische Aufklärung. In der Regel apothekenexklusiv.
Gruppe 2 Ohne krankheitsbezogene Werbung. Unvollständige phytochemische Aufklärung. Keine klinischen Studien. In der Regel apothekenexklusiv.
Gruppe 3 NEM, die nur die minimalen Anforderungen des Lebensmittelgesetzes erfüllen. Keine exakten Angaben zur phytochemischen Zusammensetzung (Leitsubstanzen und Konzentrationen wirksamkeitsbestimmender Inhaltsstoffe). Keine Studien zur Wirksamkeit. In der Regel nicht apothekenexklusiv.
Gruppe 4 NEM, die sich nicht an das Verbot gesundheitsbezogener Werbung halten und weder Wirksamkeitsbelege, noch eine seriöse phytochemische Aufklärung vorweisen.
Tabelle oben: „Lebensformen in der NEM-Galaxie“ (Nach Schilcher S. 2010, verändert)

Aufschlussreich war ein Spaziergang durch die Klagenfurter Gesundheitsmesse mit Unterhaltungswert. Allerding wusste man nicht, ob man sich in einer Komödie oder einem Gruselfilm befand. Man konnte gleich zwei unlauter vertriebene und verbotene Ginkgoextrakt-Präparate von NEM der Gruppe 4 erwerben, die keine Sicherheit bezüglich der Obergrenze an toxischen Ginkgolsäuren (<5ppm) oder Ausschlusses des „Vitamin 6 – Antifaktors“ Methylpyridoxin (MPD) gaben. Nicht selten werden fragwürdige Ginkgo-NEM im Internet gegen dementielles Syndrom angepriesen. Hier hört sich der Spaß allerding auf, denn erstens bedarf es einer täglichen Mindestmenge eines standardisierten Extraktes (2 x tgl. 120mg), der zweitens, im Falle vaskulärer Demenz, über 6 Monate einzunehmen ist (Wiesenauer 2011) und der drittens frei von neurotoxischen MPD und Ginkgolsäuren zu sein hat (Schilcher 2010). Harmlos und erheiternd war hingegen ein ayurvedischer „Echinacea-Anti-Infekt-Tee“, da eine gesicherte Immunmodulation von Sonnenhut nur als Frischpflanzenpresssaft oder ethanolisch-wässriger Auszug und nicht in Form seiner Teedroge vermittelt wird. Amüsant war hier der Vertrieb einer aus Nordamerika stammenden Pflanze als typische „Ayurveda-Anwendung“, die in alten vedischen Schriften aber nicht zu finden ist und auch dem Europäer erst um 1900 bekannt wurde.

An einer anderen Ecke wollte man gleich die gesamte Welt mit dem „antioxidativen Potential“ der Aronia-Beere heilen. Statt Kasperl und Seppel waren halt „Radikalfänger“ und „Anthocyane“ die Helden der Märchenbühne und unterhielten ein staunendes Publikum. Es stört nicht, dass die Beere in Wahrheit ein kleiner Apfel ist, sondern wie zwei Begriffe vollkommen sinnentfremdet einer Industrie dienen und „Heilung für alles“ suggeriert wird. Dabei zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt am Max-Planck Institut für molekulare Genetik, dass unter physiologischen Bedingungen nicht der anti-oxidative Effekt, sondern im Gegenteil die pro-oxidative Wirkung von Pflanzeninhaltsstoffen die zelluläre Stressresistenz erhöht. Im kommenden Jahr hören wir dann dieselben Geschichten zum „pro-oxidativen Potential“ des Wunderapfels und haben dann vollkommen auf Hagebutte und Eberesche vergessen.

Aluminium für Haut und Haar?

In jedem Fall bedenklich war ein aus Bambus gewonnenes Kieselsäurepräparat. Die Idee „pflanzengebundenes Silizium“ anstatt fossilen und diagenetisch durch Druck, Temperatur und Bodenbildungsprozesse veränderten Kieselalgen in Form von Kieselgur zu verwenden ist zunächst löblich, weil die Bioverfügbarkeit für amorphe Kieselsäure höher als bei semikristallinen Silizium-Quellen liegt. Allerdings war dem Hersteller nicht bekannt, dass die von ihm verwendeten Kieselsäureopaloide aus Bambushalmen – von der nativen Bevölkerung als „Tabashir“ bezeichnet – das Resultat einer „Aluminium-Entgiftungsreaktion“ der Pflanze auf aluminiumreichen Bodentypen darstellen. Durch die Bildung dieser opaloiden Silikate wird das für die Pflanze ebenfalls toxische Aluminium „immobilisiert“. Eine Al-freie und physiologisch sinnvolle Alternative bietet z.B. der ursprünglich gegen Lungentuberkulose rezeptierte „Kobert-Kühnsche-Kieseltee“ (Ackerschachtelhalmkraut, Vogelknöterichkraut, Hohlzahnkraut) oder die Verwendung anderer heimischer „Kieselsäurepflanzen“ (z.B. Brennnessel, Lungenkraut) als Infus oder Dekokt. Im Falle von Ackerschachtelhalm ist wegen des thermolabilen „Vitamin B1 Antifaktors“ unbedingt ein Dekokt und nicht, wie in manchen alten Bücher vorgeschlagen wird, ein zudem noch sinnloses Kaltmazerat anzuwenden. In unserem Körper ist Silizium vornehmlich in Form der mobilen Orthokieselsäure gewebegängig, weshalb die Einnahme klassischer Kieselsäurepräparate von einigen Experten in Bezug auf die Bioverfügbarkeit ebenso sinnvoll erachtet wird, wie das Schlucken eines fein zertrümmerten Quarzglases.

Abb. oben: Brennnesselbrei statt aluminiumhaltigen Bambuszucker? Die Staude bringt neben rund 1% amorpher Kieselsäure eine Reihe weiterer interessanter "Phytamine" ein. Vor allem die Caffeoyl-Chinasäuren vermitteln einen entzündungshemmenden Effekt, den sich der Rheumatiker neben dem diuretischen Effekt zu Nutze machen kann. Einziger Nachteil: Die Brennnessel vor der Haustür hat keinen Hochglanz-Werbeflyer umgehängt. (Foto: Vogt D.)

Über den Wert der „wissenschaftlichen Beweisführung“

Zeolithe machen wegen ihrer Kationen-Austauschkapazität (KAK) nicht nur in Waschmitteln eine gute Figur, sondern werden intensiv als NEM zur Regulation des Mineralstoffhaushaltes beworben. Ein bekanntes österreichisches Unternehmen bewirbt ihre Zeolith-Klinoptilolith-Präparate jetzt auch als „Darmwandschutzmittel“ und suggeriert in Werbematerial und auf der Homepage „wissenschaftlich erforschte“ Hilfe bei Morbus crohn, Reizdarmsyndrom, Schwermetallintoxikation, Lebervergiftung und Infektanfälligkeit. Ein dazu in Auftrag gegebenes (Werbe-)Buch, verfasst von einer Ärztin aus Kärnten, tritt alle Regeln der naturwissenschaftlichen Argumentation, Logik und aus meiner Sicht auch den „ärztlichen Anstand“. Bei einer Recherche stellte sich noch heraus, dass zitierte Ärzte und Universitätsprofessoren selber Unternehmensanteile besitzen oder in indirekter Form Vorteile (Sponsoring, Aufträge, etc.) genießen, also keinesfalls als unbefangen gelten können. Tatsächlich gab es vor einem Jahr im „Journal of the International Society of Sports Nutrition“ die Veröffentlichung einer Auftragsstudie, in welcher die Autoren einen positiven Effekt auf die Darmwandbarriere ableiten wollen. Nun muss man wissen, dass 2011 seitens des Deutschen Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für Klinoptilolith eine Schnellwarnungsnummer vergeben wurde, nach dem die Futterbeigabe bei Milchkühen den Aluminium-Spiegel im Blutserum in die Höhe trieb. Der Hersteller in Österreich beteuerte kleinlaut denen, die laut danach fragten, dass der „Aluminium-Silizium-Backbone“ dieser Schichtsilikate absolut keiner Resorption im Dünndarm unterliegen könne. Von einem ehemaligen Mitarbeiter konnte man allerdings erfahren, dass Studien mit unerwünschtem Ergebnis nie veröffentlicht wurden. Liest man die neue Publikation, auf welcher sich nun die medizinische Werbung stützt, so wird am Ende nebenbei erwähnt, dass man prompt für den Studienzweck einen speziell aluminiumarmen Zeolith gewählt hat. An einer anderen Stelle erfährt man, welch großes Staunen, dass keine negativen Auswirkungen auf den Al-Blutspiegel zu beobachten waren, obwohl ein diesbezüglicher Zahlenwert auch nicht angegeben wurde. Wirklich amüsant ist aber, dass in dieser offenbar schon vor Versuchsbeginn beschlossenen medizinischen Aussage weder in der Verum- noch in der Kontrollgruppe der „Doppelblindstudie“ ein einziger Proband an Morbus crohn, Colitis ulcerosa oder irgendeiner anderen manifesten, entzündlichen Darmerkrankung litt. So dient eine designte Studie an vollkommen Gesunden mit manipulierter Darreichungsform als offizieller Wirksamkeitsbeleg für Erkrankte und ein zermahlenes Aluminium-Silizium-Schichtmineral steigt wortwörtlich zum „wissenschaftlich erforschten Natur-Medizinprodukt“ auf. Darf so etwas toleriert werden? Unsere Behörde kontrolliert lieber rigoros das Kräuterweiblein am Markt, ob sie nicht gar ein Fläschchen Arnika gegen einen entzündeten Haarfollikel in Verkehr bringt.

Seit 2006 bedarf es in Österreich auch keiner Meldung oder Registrierung von NEM (LMSVG vom 20. Jänner). Ein Gutachten einer wissenschaftlich heillos überforderten und finanziell ausgehungerten Untersuchungsanstalt eines Bundeslandes reicht vollkommen aus.

Ein einfacher Tee als Alternative  

In vielen Fällen reicht die Konzentration sekundärer Pflanzenstoffe („Phytamine“) in NEM der Gruppe 3 und 4 für einen „erhofften Effekt“ sicher nicht aus und wenn ein solcher auch nicht erhofft werden muss, macht der Weg zum Gemüsestand der Biobäuerin bestimmt mehr Sinn. Sucht man hingegen eine ernst zu nehmende Prophylaxe oder gar ein pflanzliches Begleitmittel bei z.B. leichten Formen der Herzinsuffizienz mit Weißdorn, so werden 0,5 Gramm gepulverte Beeren eher nicht ausreichen (Tagesdosis zweier NEM der Gruppe 3), wenn alleine für die Vorsorge eine Tagesdosis von 5-10 Gramm in Teeform empfohlen wird. Wer im Sinne der „Altersherz-Vorsorge“ lieber zum Tee greift, sollte auf die notwendige Auszugszeit von mind. 15-20 Minuten wegen der heißwasserlöslichen Flavonoide achten.

Tabelle unten: Vergleich zwischen einem realem NEM, realem Phytopharmakon und der einfachen Teeanwendung beim Weißdorn. Man sieht deutlich die Unterlegenheit des NEM auf Grund der geringen Drogenausgangsmenge. Selbst die Tee-Empfehlung im Sinne der Prävention bringt eine 10-20-fach größere Drogenmenge ein. (D. Vogt)
Abb. oben: Einst galten nur die Blüten des Weißdorns als heilwirksam, dann Blüte und Blatt, während im Ayurveda lediglich mit den Früchten ein Dekokt bei Herz-Kreislauferkrankungen gemacht wurde. Die moderne Pflanzenforschung stellt trotz Unterschiede in den Inhaltsstoffen allen 3 Organen dasselbe Zeugnis mit der Hauptindikation "Altersherz" aus. (Foto: Vogt D.)
Klassifikation Empfohlene Tagesdosis (Hersteller, Expertengruppe) Ausgangsmenge
der Droge
Drogen-Extrakt-Verhältnis
Tonikum,
NEM Gruppe 3
96 mg 500 mg 5,2:1
Tee 2 Tassen (ca. 400ml) 5 – 10 g 1:40 – 1:80
Rationales Phytopharmakon 900 mg 3,6 – 5,9 g 4-6,6:1

Eine ähnliche Situation begegnet uns bei der namibischen Teufelskralle. Hier besitzen die meistens als „Gelenkskapseln“ beworbenen NEM mit oft nur 50mg Extrakt eine rund 20 bis 50-fach geringerer Wirkstoffmenge als monographiekonforme Pflanzenarzneien. Auch hier kann der einfache Tee aus der pulverisierten Wurzeldroge eine sinnvolle Alternative zu NEM der Gruppe 3 bieten. Zwei gute, also nicht auf ein erwünschtes Ergebnis „hin-designte“ Studien belegen eine erstaunliche Stabilität des wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffes in der Teeform und zeigen zudem, dass bei Verwendung von täglich 4,5 Gramm Droge im Regelfall sogar der Anspruch der rationalen Phytotherapie (mind. 50 mg Harpagosid) erfüllt wird.

Beim Leser soll nicht der Eindruck entstehen, dass „mehr“ immer besser ist, selbst dann nicht, wenn eine allopathische Therapieführung gewählt wurde, aber wenn die langjährige Erfahrung oder klinische Studien einen deutlich dosisabhängigen Therapieerfolg belegen, macht eine Unterdosierung kaum Sinn. Eine schnelle und einfache Orientierungshilfe, ob ein NEM der therapeutisch wirksamen Gruppe 1 oder als „Modeprodukt“ eher der Gruppe 3 angehört, liefert die Summe der verwendeten Pflanzen. Ähnlich wie bei einem Arzneitee erreicht ab einer bestimmten Anzahl der verwendeten Drogen keine ihren therapeutischen Schwellenwert.

Abb. oben: Mit tgl. 2 Tassen Teufelskrallentee mit je ca. 1 TL pulverisierter Droge können die Anforderungen der modernen Phytotherapie erreicht werden. Ein Alternative für alle, die nahe an der Pflanze bleiben wollen und zudem den verdauungsfördernden und tonisierenden Effekt der Bitterstoffdroge ausnutzen wollen. Wer einen empfindlichen Magen besitzt, kann alternierend Kamillenblüten, Süßholz und Malve als Begleitdroge verwenden. (D. Vogt)

Am Ende sind wir über die Existenz der NEM-Galaxie aber froh, denn sie sichert neben allen „Modeerscheinungen“ auch das Fortbestehen und die Neuaufnahme von „versteckten Phytopharmaka“, ayurvdischen Arzneien, „Hildegard von Bingen -Medizin“ oder sinnvollen Allopathika, deren verwendete Pflanzenteile keine positive Monographie erhalten haben.

Und die Suche nach sinnvollen Aliens in der Galaxie geht weiter …

Viel Spaß wünscht Euer Phytagoras!

P.S.: Wer sich mehr für „natürliche Lebensformen“ auf Wald und Wiese interessiert, dem darf ich den unter meiner Leitung stattfindenden Diplomlehrgang „Volksheilkundlicher Kräuterkurs nach Ignaz Schlifni“ der FNL-Kräuterakademie empfehlen.