Heiliges, schwebendes Holz

Nur wenige Pflanzen beherrschen die Kunst zwischen Himmel und Erde zu schweben. Vor allem dann, wenn es sich nicht um winzige Luftalgen, sondern um echte Holzpflanzen handelt. Vor mehr als 2000 Jahren entdeckten keltische Priester in der Flora Mitteleuropas bei einer Pflanze aus der Ordnung der Sandelholzartigen diese wundersame Gabe.

Was soll der Naturbeobachter im Altertum von einer wurzellosen und einige Meter über dem Boden sprossenden Pflanzengestalt auch glauben, die ausgerechnet zur Wintersonnenwende, wenn alle Vegetationsgeister im Schoß von Mutter Erde ruhen, grüne Blätter und saftige Früchte eigensinnig gegen den Himmel streckt? Besinnt man sich der existenziellen Bedeutung des Winters für den Menschen von damals, fern von Zentralheizung und heliozentrischem Weltbild, so versteht man, wie das wintergrüne Geschöpf zum hoffnungsvollen Symbol der wiederkehrenden Sonne und zum „Omnia sanantem“, einer alles heilenden Pflanze emporsteigen musste.

Kann es „fliegende“ Pflanzen geben?

Von heimischen Moosen und Flechten sind wir die „luftige Lebensweise“ als sog. Aufwuchspflanzen oder Epiphyten auf dem „Rücken“ anderer gewohnt. Was treibt aber eine echte Gefäßpflanze einige Meter über der Erde? In der mitteleuropäischen Florenregion finden wir nur zwei parasitäre Pflanzengattungen, welche den Boden nicht selber berühren, sondern diese Aufgabe ausnahmslos ihrem Wirt überlassen: Weiß-Mistel (Viscum) und Riemendistel (Loranthus). Doch nur Vertreter der Artgruppe Weiß-Mistel (Viscum album agg.) tragen auch im Winter grüne Blätter und Früchte und wurden deshalb von gallischen Druiden als heilig angesehen.

Nur am 6. Tag nach einem Winterneumond wurde die Mistel unter Beisein einer Festgemeinschaft geerntet und erforderte neben der Opfergabe von zwei weißen Stieren, die zum ersten Mal ein Joch trugen, die berühmte goldene Sichel in der Hand des Priesters. Um die Heilkraft bei der rituellen Ernte zu gewahren, durfte die geschnittene Mistel den Erdboden nicht berühren, sondern wurde mit einem weißen Mantel aufgefangen. Von dieser Zeremonie berichtet uns der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere in seiner Naturalis historia (ca. 77 n. Chr.) zu einer Zeit, als die Cäsaren Roms die Ausübung keltischer Bräuche schon Jahrzehnte lang untersagten. Die damalige Vorstellung, dass die Mistel vom Himmel herabfällt und sich ihren Baum sucht, kann aus naturwissenschaftlicher Sicht richtiger kaum sein. Das Fliegen überlässt die Mistel allerdings Vögeln und lässt sich in Form ihres Samens – gut „verpackt“ im Mantel einer Scheinfrucht als Flugtaxe – an günstige Verzweigungsstellen im Geäst von Bäumen transportieren.

Dass die parasitäre Mistel zum dauerhaften Schweben einen Wirtsbaum benötigt, tat dem Wunder auch in der Renaissance nichts ab, denn nur „Jupiter könne seinen Bäumen befehlen die wurzellosen Wesen auf sich zu tragen “, überliefert uns der englische Arzt und Astronom Nicholas Culpeper in seinem Complete Herbal (1653). In dem astrologisch orientierten Heilpflanzenwerk sieht der „englische Paracelsus“ aus diesem Grund in allen Mistelarten – unabhängig vom Wirtsbaum – einen Teil der „Jupiter-Natur“ verinnerlicht. „Das hohe Ansehen der Eichelmistel könne er sich nicht erklären und liegt vielleicht mehr in der Vorliebe des Menschen für das Seltene begründet“, spekuliert der bedeutsamste Heilpflanzenkundige seiner Zeit (1616-1654) in England.

Abb. oben: Dieses „fliegende Wesen“ nutzten peruanische Indianer und soll der Weiß-Mistel gleich sein. Jacobus Tabernaemontanus überliefert in seinem Kräuterbuch von 1588 diese vielleicht den Ananasgewächsen zugehörige Pflanze als „Visco fimilis“. Die Vertreter dieser Familie sind aber epiphytische Raumparasiten und dringen mit ihren Wurzeln nicht in ihren Träger ein. Foto: Vogt D.
Abb. oben: Illustration der Weiß-Mistel aus dem "Neue vollkommen Kreuterbuch" von Jacobus Tabernaemontanus nach Bauhin, 1731. Der Name "Mispel" ist irreführend und sollte nur für das gleichnamige Rosengewächs mit den Apfelfrüchten Verwendung finden. Das einzige, was Mistel und Mispel gemeinsam haben, ist die Bildung von Scheinfrüchten. (Foto: Vogt)
Art bzw. Unterart der Weiß-Mistel Wirt
Laubholz-Mistel

(Viscum album s. str.)

Häufig: Pappel, Weide, Apfel

Selten: Ahorn, Birke, Birne, Linde, Robinie, Weißdorn

Sehr selten: Eiche, Erle, Esche, Hainbuche, Ulme

Nie: Rotbuche

Tannen-Mistel

(Viscum laxum subsp. abietis)

Nur auf Tanne
Föhren-Mistel

(Viscum laxum subsp. laxum)

Häufig: Rotföhre, Schwarzföhre

Selten: Fichte, Lärche

Wassersaugender Kopfschmuck und fremde Füße?

Das anatomische Geheimnis des schwebenden „Druidenfußes“, wie die Mistel im Volksmund auch genannt wird, wurde spätestens durch Julius Sachs in seinen „Vorlesungen über Pflanzenphysiologie“ (1887) im wahrsten Sinne des Wortes entlüftet (Abb. rechts). Der Mistelkeimling verankert sich zunächst mit einer Senkwurzel (i) in seinem Wirt und treibt im Folgejahr parallel zur Astachse verlaufende Rinden-Wurzeln (f) aus. Diese bilden neben Knospen (g) senkrecht in den Holzteil des Leitgewebes eindringende Saugorgane (e), sog. Haustorien zur Wasser- und Mineralstoffaufnahme aus. An Wurzeln fehlt es also nicht. Am Ende sind es aber die Mistelblätter, welche das Wasser „aus dem Brunnen ziehen“: Durch die Verdunstung von Wasser, welche im Zuge des Gasstoffwechsels an der Blattunterseite über Spaltöffnungen erfolgt, entsteht ein „Saugdruck“, der sich bis in das Wasserleitsystem des Wirtes fortpflanzt und den kapillaren Wasserhub vorantreibt.

Die Triebkraft für das „Aufwärtsfließen“ liefert letztlich der Wasserdampfgradient zwischen feuchtem Boden und trockener Luft, welchen alle Gefäßpflanzen ausnutzen und sich in dieses Gefälle regelrecht „hineinstellen“. So werden die Blätter des Eindringlings zu Blättern des Wirtes. Untersuchungen der Universität für Bodenkultur haben gezeigt, dass durch den so erhöhten Blattflächenindex das Lebensalter von ohnehin altersschwachen und blattarmen Pappeln sogar verlängert wird, da der Schmarotzer mit seinem Laub am Wasserstrom im Wirt „mitzieht“. Für kurze Zeit besteht ein beidseitiger Nutzen und ein sonderbares Wesen mit Füßen des einen und dem Kopf des anderen schaut in den Himmel.  Im Fall eines künstlich entlaubten Apfelbaumes konnte die Mistel den Wasserfluss für weitere sechs Jahre bis zum Tod beider aufrechterhalten.

Abb. oben: Wurzelsystem der Weiß-Mistel nach Julius Sachs. a = Stamm der Mistel, h = Holz der Mistel, i = Hauptwurzel, f = Rinden-Wurzel; g = Knospe der Mistel; e = Haustorium im Holzteil des Wirtes. (Quelle: Sachs J. 1887. Vorlesungen zur Pflanzenphysiologie)
Abb. oben: Zwei Riesen mit fremden Köpfen halten Ausschau - oder nur doch nur Weiß-Misteln auf Schwarzpappeln? (Foto: Vogt)

O‘ zapft is!

Die Beziehung zwischen Wirt und seinem ungeladenen Gast ist noch lange nicht zu Ende. Von australischen Verwandten unserer Mistel ist die Akkumulation von arttypischen Toxinen der Wirtspflanze in seinem „Aufsitzer“ bekannt und wird im Falle von Oleander und manchen Nachtschattengewächsen (z.B. Duboisia-Arten) zum giftbestimmenden Faktor. Dann gehört der eigentliche „Fuß des Druiden“ nicht der Mistel, sondern klar dem Wirt. So wird in der ayurvedischen Heilpflanzenkunde die auf der Brechnuss parasitierende „Orientalische Mistel“ (Viscum orientale) auch als Ersatz für Strychnin zur Anregung der Darmperistaltik verwendet. Obwohl unsere chlorophyllführende Weiß-Mistel selber Fotosynthese und einen (darauf basierenden) eigenständigen Sekundärstoffwechsel betreibt, ist die „chemische Fabrik“ des Wirtes an einigen Stellen „undicht“ und erweitert so die stoffliche Eigenleistung des Halbparasiten. Vor dem Hintergrund einer stark jahreszeitenabhängigen Stoffdynamik erschwert nun die Stoffwechselbeziehung zum Wirt die Aufklärung pharmakologischer Wirkmechanismen, die Standardisierung von arzneilichen Mistelzubereitungen und die Beurteilung von Studienergebnissen. Wie verschieden der Mensch nach dem „heiligen Holz“ greift zeigen alleine die 77 zugelassenen Mistelzubereitungen gegen Herz-Kreislauferkrankungen und 204 Viscum-Präparate gegen Krebserkrankungen alleine in Deutschland, die hinsichtlich Galenik und ihrer zu Grunde liegender „Philosophie“ kaum uneinheitlicher sein können. Heute kann man sich nach dem bizarren, aber einheitlichen Ernteprotokoll gallischer Priester nur sehnen und ist heimlich zum Tausch der beiden weißen Stiere gegen Antworten zur Rolle des Wirtsbaumes, des Erntetermins, der Galenik und der am Ende resultierenden Anwendungsgebiete bereit.

„Je nach Fass ein anderes Bier“

Entscheidet man sich für die Laubholzmistel, so wird man generell einen höheren Gehalt an Mistel-Lektinen der Klasse 1 (ML 1, VAA-1) erhalten, die nach Ansicht einiger Autoren die tragende Rolle bei der Aktivierung des unspezifischen Immunsystems spielen. Die Grundlage für diese Immunmodulation ist gewissermaßen ein „Zuckerlecken“ und teilweises „Klebenbleiben“ dieser Mistel-Proteine an bestimmten Zellen unseres Immunsystems. Klettert man mit der Sichel auf Tannen und Föhren, so wird die Ausbeute an Mistel-Lektinen der Klasse 3 (ML 3, VAA-3) wiederum höher ausfallen. Die Winterernte nach gallischem Vorbild sichert einen hohen Gehalt an Lektinen (ML 1-3), während im Hochsommer die Produktion von zelltoxischen „Mini-Eiweißen“, sog. Viscotoxinen, ihren Höhepunkt erreicht. Letztere zeigen im Experiment eine direkte und indirekte Wachstumshemmung auf Tumorzellen. Das seitens der Vergiftungszentrale Berlin an Hand von 800 Fällen eingestufte „sehr geringe Vergiftungspotential“ für Mistelfrüchte liegt wahrscheinlich am Fehlen dieser Viscotoxinen, die vornehmlich im Kraut zu finden sind. Je nach Wirtsbaum variiert die Zusammensetzung von zyklischen Alkoholen (Cyclitole) und auch von dem, was man noch nicht kennt, aber das durch den Wirksamkeitsvergleich zwischen Gesamtextrakt und bekannten Einzelstoffen vorhanden sein muss. In der Herstellung von modernen Arzneimitteln galt die Aufmerksamkeit bisher lediglich den wasserlösliche Bestandteilen (Lektine und Viscotoxine) der Mistel. Erst seit kurzem entdeckte man das ebenfalls antitumorale Potential der fettlöslichen Mistelfraktion – vornehmlich getragen durch Triterpensäuren (z.B. Oleanol- u. Betulinsäure) – und das Schmunzeln über die bereits im 16. Jhd. beschriebene „Mistelwachssalbe“ gegen Geschwüre verschwindet plötzlich. Zur ihrer optimalen Gewinnung lädt hier der Sommer ein und es stellt sich angesichts der jahreszeitlich gegenläufigen Trends im Gehalt an Wirkstoffen die Frage, ob man mit nur einer Ernte pro Jahr das Wesen der Mistel einfangen kann. Die Betulinsäure kann übrigens auch in der Birkenrinde gefunden werden und ihr Oxidationsprodukt, das Betulin, ist in den letzten Jahren zu einem Hoffnungsschimmer bei Hautkrebs geworden, da sie die unkontrollierte Teilung von Zellen „bremsen“ kann. Eine aktuelle Forschungsarbeit (Mulsow K. et al. 2016) zeigt sogar, dass sich gegenüber Mistel-Lektinen „blind“ verhaltene Tumorzelllinien unter Anwesenheit von Mistel-Triterpensäuren wieder ihre „Augen“ öffnen und ihre Resistenz verlieren. Hier wird die Mistel zum Modell für das synergistische Wirkprinzip der Phytotherapie und zeigt die Überlegenheit der „pflanzlichen Einheit“ (Gesamtextrakt) gegenüber ihren Bruchteilen (Einzelsubstanzen).

Abb. oben: Im Ayurveda wird die „Orientalische Mistel“ (Viscum orientale) als Ersatz für Strychnin verwendet. Die Wirkung auf das Verdauungssystem ist aber keine Leistung des Parasiten, sondern seinen Wirtes, der Brechnuss. (Foto: Lytton John Musselman, Department of Biological Sciences
Old Dominion University, Virginia; mit freundlicher Genehmigung)
Abb. oben: Steckt in der Mistel ein ähnliches Glück wie in der Birkenrinde verborgen? Ihre Triterpensäuren liefern vielleicht den "stofflichen Faden" dazu. (Foto: Vogt D)
Abb. oben: Die Europäische Arzneimittelagentur hat mit "schwebenden Pflanzen" wenig Geduld, mit placebobehafteten und nebenwirkungsreichen Chemosynthetika aber schon. (Graphik: Ziegenfuss A.)

Die Pharmakologie hat der Mistel trotz Aufklärung von immunologischen und molekularen „Kurzstrecken“ das Schweben noch lange nicht abgewöhnt und nach wie vor klafft der übliche Graben zwischen experimentellen Ergebnissen und klinischer Datenlage. Und weil der europäische Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) mit „schwebenden Heilpflanzen“ seine liebe Not hat, wurde keines der beiden positiven Zeugnisse der Expertenkommission E für die Mistel akzeptiert. Deren Monographie sah für das Mistelkraut (Visci albi herba) immerhin eine Anwendung für die Palliativtherapie bei malignen Tumoren und für die Segmenttherapie bei entzündlich-degenerativen Gelenkserkrankungen begründet. Man kann die protokollgerechte Vorgehensweise der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) so lange nicht verstehen, wie die Erstattungsfähigkeit von tausenden Analgetika aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika andauert, denen die aktuelle Forschung einen Plazebo-Effekt von über 60% zuweist und die zudem voller Nebenwirkungen und Kontraindikationen stecken. Die Behandlung eines arthrotischen Kniegelenkes mit einer mistelbasierenden Reiztherapie und Aussicht auf Umstimmung ist jedenfalls empfindlich kostspieliger als das Einwerfen von „kassensubventionierten“ Voltaren und Co mit Aussicht auf symptomatischen Kurzzeiteffekt. Wieder einmal zeigen sich die Widersinnigkeit einer obligatorischen Koppelung von Verschreibungspflicht und Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln und die Benachteiligung von Pflanzenpräparaten.

Wem gehört die „Misteltherapie“?

Keine Heilpflanze trennt die drei Welten der konventionellen („schulmedizinischen“), phytotherapeutischen und anthroposophischen Therapieführung im Falle von Krebserkrankungen stärker als die Mistel und lädt gerade deshalb zum Dialog und zur Grenzüberschreitung ein. Für Gegensätze sorgt die Mistel schon in der Mythologie, wo sie für die einen auf Grund ihrer scheinbaren Gabeltriebe zum „heiligen Kreuzholz“, einem Lignum sanctiae crucis, für die anderen zur todbringenden Pflanze des Lichtgottes Baldur wurde. Was kann aber die Mistel dafür, wenn der blinde Gott Hödur auf Grund einer List des eifersüchtigen Lokis mit ihr nach dem Sohn Odins wirft und ihn im gut gemeinten Spiel tödlich verwundet? Auch die Beurteilung ihrer „humoralen Eigenschaft“ in der Vier-Säfte-Lehre fiel im Laufe der Geschichte keinesfalls einheitlich aus. Jacobus Tabernaemontanus überliefert in der zweiten Hälfte des 16. Jhd. eine „mittelmäßige Natur“ der Mistel, welche weder „zu kalt, noch zu warm, aber mehr feucht als trocken“ sei, während fast zeitgleich das Kraut von Leonhard Fuchs als „wärmend und mehr scharf als bitter“ einstuft wird. Trotz der unterschiedlichen Bewertung der thermischen Wesenseigenschaft schreiben aber beide der Mistel eine erweichende, zerteilende und verzehrende Kraft zu und sehen deshalb in der Behandlung von Geschwüren und Verhärtungen eine Hauptindikation. Neben der Verwendung des puren Mistelpresssaftes zählten Wachs, Wein, Weihrauch, Rizin, gebrannter Kalk, Harze und Arsensulfide (z.B. Orpiment) zu typischen Begleitstoffen für Mistel-Zubereitungen in der Renaissance. Rund ein Jahrhundert später schließt sich in England Nicolaus Culpeper demselben therapeutischen Anwendungsgebiet mit den aus seiner Sicht erhitzend und austrocknend wirkenden Blättern und Früchten an und schreibt dazu: „(…) der Mistelleim erweicht harte Knoten, Geschwüre und Tumore, bringt sie zur Reife und zieht (Gewebe-)Dichtstellen sowie dünne Flüssigkeiten von entfernten Körperbereichen, zerteilt und verdaut sie.

Abb. oben: Die Scheinfrüchte der Mistel dienten bei Hildegard von Bingen zur Herstellung eines „Mistelleimes“ gegen Leberverhärtung. Ähnlich einem Leberwickel wurde diese „Heißkompresse“ aber über der Milz angelegt. Der rohe Verzehr der falschen „Beeren“ führt zu leichten Magen-Darmbeschwerden und wird als weniger giftig wie Blatt und Spross eingestuft. (Foto. Vogt)
Tabelle unten: Gegenüberstellung anthroposophischer und phytotherapeutischer "Misteltherapie" (Vogt D.)
Therapieansatz Homöopathisch-anthroposophisch Allopathisch-phytotherapeutisch
Anwendung Spezifikum der Krebstherapie Palliativtherapie, Begleittherapie, Sekundärprävention bei onkologischen Erkrankungen
Ernte Winter, Hochsommer, teilweise 4 Mal Jänner (Lektinol), Frühjahr
Mistelart Verschiedene Unterarten und Wirtsbäume je nach Onkologie (Apfel, Eiche, Pappel, Ulme, Tanne, Kiefer) „Pappel-Mistel“ für Lektinol
Erhofftes Wirkprinzip Stärkung der gestalterhaltenden und gestaltbildenden Wesensglieder; Zurückdrängung des ahrimanischen Wesens. Wiederherstellung des Ordnungsprinzips Immunmodulation mit Aktivierung des unspezifischen Immunsystems, Apoptose entarteter Zellen, Reduktion von DNS-Schäden als Folge von Chemo- u. Radiotherapie, Positive Beeinflussung des psychoneuroimmunen Systems.
Galenik Wässriger Auszug/Presssaft, ev. Fermentation, Verdünnung/Potenzierung, Zentrifugation Wässriger Auszug, standardisiert
Konzentration Bsp. Helixor M: 1-100 mg Drogenäquivalent / Ampulle (DEV=1:20) Bsp. Lektinol: 15 ng Mistel-Lektin/ Ampulle
Therapieführung Oft: Stufenschema mit steigender Dosis, 3 x wöchentlich. 2 Wochen Pause 3 Monate (Steigerungs-)Intervall mit 3 Injektionen wöchentlich. 1 Monat Pause
Verabreichung Injektionspräparate (Parenterale Verordnungsform)

Das „verdauende Prinzip“ der Mistel findet sich tatsächlich auf zellulärer Ebene wieder, wenn Fresszellen (Makrophagen) und natürliche Killerzellen des unspezifischen Immunsystems durch Mistel-Lektine zum programmierten Zelltod (Apoptose) und zur Verdauung  (Phagozytose) von Tumorzellen führen. Hierin können wir aber nicht das von den Anthroposphen postulierte „ordnungsstiftende Wesen“ der Mistel entdecken, denn zwischen gesunden und entarteten Zellen vermögen die Mistel-Lektine leider nicht zu unterscheiden. Zwischen 1917 und 1920 entwickelt Rudolf Steiner gemeinsam mit Ita Wegman die Grundlage der anthroposophischen Misteltherapie durch Naturbeobachtung des Halbparasiten und Analogieschlüssen zur Krebserkrankung. Einer simplen Signaturlehre kann die Ansicht Steiners dabei nicht entspringen, denn die Mistel induziert keine Geschwüre oder Zellproliferationen im Wirt, sondern verhindert ganz im Gegenteil die Ausbildung von Wund- und Abschlussgewebe. Vielleicht spiegelt sich das gestaltbildende bzw. gestalterhaltene anthroposophische Wirkprinzip der Mistel in der experimentellen Beobachtung, dass unter bestimmten Versuchsbedingungen die spontane Mutationsrate durch Mistelextrakt deutlich gesenkt wird und ein „erbgutstabilisierender Effekt“ eintritt.

Während die Anthroposophen durch komplexe Ernte und Galenik das Mistelwesen schweben lassen wollen, sucht die klassische Phytotherapie in der Standardisierung ihrer Präparate mittels Lektinen eine berechenbare Flugbahn zur Erde. Es besteht allerdings die Gefahr, dass bei solcher Landung ein Ast des „allesheilenden Holzes“ in die Brüche geht. Ein großer Vorteil anthroposophisch deklarierter Mistelzubereitungen liegt in ihrer langjährigen Erfahrung und der Möglichkeit einer individuellen Feinanpassung an den Patienten auf Grund der großen Auswahlmöglichkeit (Ernteaspekte, Wirtsbäume, Phänologie, variable Konzentrationen eines Präparates, etc.).

Man könnte nun verschweigen, dass praktisch alle hochwertigen, placebokontrollierten Studien und Metaanalysen der letzten Zeit keine befriedigenden Ergebnissen hinsichtlich Tumorrückbildung und Beeinflussung der Lebenszeit darstellen konnten. Das erfährt der Betroffene spätestens beim Erstkontakt mit der konventionellen Onkologie oder aus dem Internet. Soll man deshalb die Mistel fortschweben lassen und an die negative Beurteilung der Europäischen Arzneimittelagentur glauben? Besser nicht, denn dieselben „harten“ Studien belegen eine deutliche Steigerung der Lebensqualität mit den Kriterien von Stimmungslage, Leistungsfähigkeit, Allgemeinzustand und Gewichtsentwicklung. Die Verbesserung der menscheneigenen Befindlichkeit wird trauriger Weise oft als „Nebenprodukt“ eines leider nicht erreichten Therapiezieles (Lebenszeitverlängerung) degradiert, dabei müsste sie zu einem Primärziel werden! Die Reduktion auf Soll-Werte und das alleinige Ausdrücken von Therapieerfolgen in für die Befindlichkeit und Gefühlswelt des Menschen oft wenig relevanten Messgrößen führt ganz allgemein zu paradoxen Reaktionen, wo sich der Gesunde am Ende krank fühlt, weil ihm die Statistik versichert, dass er sich auf Grund von Zahlenwerten krank zu fühlen hat.

Der Mistel erste Flugversuche in der Moderne als „Herzpflanze“

Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte Rene Gaultier die blutdrucksenkende Wirkung der Mistel und verhalf ihr damit zum ersten richtigen Höhenflug ausgehend von Frankreich über ganz Europa. Den Status einer echten „Herz-Kreislaufpflanze“ konnte ihr die moderne Pflanzenmedizin aber wegen der unzureichenden Datenlage aus älteren Forschungsarbeiten und wegen der bislang ungeklärten Wirkmechanismen nicht verleihen. Der Flug endete in der traditionellen Anwendung nach § 109a. Dennoch bleibt die Erfahrung, dass die Mistel bei langfristiger Anwendung eine ausgesprochen günstige Wirkung auf leichte bis mittlere Formen der Hypertonie zeigt. Der Effekt manifestiert sich vornehmlich auf der Ebene typischer Begleitsymptome des Bluthochdruckkandidaten und wieder geht es einmal mehr um Lebensqualität und Befindlichkeit des Menschen. Trotzdem belegt eine offene klinische Studie mit 120 Probanden bei mild bis mittelschweren Bluthochdruck (WHO Grad 1-2) immerhin eine Senkung des systolischen Wertes um durchschnittlich 15 mm Hg (Keller et al. 1994). Darüber hinaus gibt es einzelne ältere Erfolgsmeldungen, wie beispielsweise von Kleine (Wuppertal), die wir schwer einschätzen können: „Ich habe in vielen Fällen diese den alten Germanen heilige Pflanze gegen echte Arteriosklerose angewandt und in monatelanger Behandlung einen Abfall des Blutdruckes von 195 mm Hg. R. R. bis auf 135 mm erzielt (…)“. Interessant ist hier in jedem Fall der Hinweis auf die notwendige Therapielänge und der notwendige Geduldsfaden zieht auch in die aktuelle amerikanische Phytotherapie wie für praktische alle „Herzpflanzen“.

Alte und neue Forschungsarbeiten sehen die Wirkung der Mistel weniger am Herzen selber, sondern über das Gefäßsystem vermittelt. Während der Angriffspunkt früher mehr im Gefäßnervensystem und im vasomotorischen Zentrum des Gehirns vermutet wurde, rückt mehr und mehr die Rolle eines „Winzlings“ aus nur 2 Atomen in den Vordergrund. Dabei handelt es sich um den gasförmigen Botenstoff Stickstoffmonoxid (NO), der je nach Entstehungsort „schützend“ oder „entzündungsvermittelnd“ wirken kann und für den mittlerweile bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose) eine Schlüsselrolle angenommen wird. Unsere Mistel soll nun den „Gashahn“ an vorteilhaften Stellen (eNOS) aufdrehen, an ungünstigen Stellen (iNOS) abdrehen können und so zu einer Gefäßentspannung und zu einem nachhaltigen Gefäßschutz führen können. Manche Autoren sehen sogar einen balancierend-ausgleichenden Effekt wie wir ihn vom Weißdorn her kennen. In Gedenken an den „Vater der modernen Pflanzenmedizin“ im deutschsprachigen Raum und sein Vermächtnis soll der „Bluthochdrucktee“ nach Fritz Weiss vorgeschlagen werden (Rezeptur Abb. rechts).

Abb. oben: Die mystische Bedeutung unserer Weißmistel nehmen in Amerika verschiedene Phoradendron-Arten (Bild) ein, denn unser „Hexenbesen“ ist in der Neuen Welt nicht heimisch. Erst in der Neuzeit gelangten die europäischen Mythen über den Ozean und fanden die ahnungslosen Sandelholzvertreter. Unsere Weiß-Mistel wird in einigen Klassikern der amerikanischen Phytotherapie nicht angeführt. (Foto: Tribble D.)

„Bluthochdrucktee“ nach Fritz Weiss

Weiß-Mistelkraut (Visci albi herba)
Weißdornblätter und Blüten (Crataegi folium et flos)
Melissenblätter (Meliassae folium)
zu gleichen Teilen auf 100,0

Zubereitung: 2 TL Droge mit 1 Tasse heißem Wasser überbrühen, ca. 10 Min. ziehen lassen, abseihen, morgens und abends je 1 Tasse (mit ev. Honig). Kurmäßige Anwendung über mehrere Wochen bis Monate.

Einige Autoren empfehlen wiederum die Einnahme des Mistelkrautes in einer Tagesdosis von bis zu 4 Gramm Droge als Mazerat nach rund 10 Stunden Auszugszeit mit kaltem Wasser. Hier wird die (nicht befriedigend diskutierte!) Thermolabilität der beiden Mistel-Hauptwirkstoffe vor die Frage der Keimbelastung gestellt, obwohl nach neuen Erkenntnissen gar nicht Mistel-Lektine und Viscotoxine, sondern Flavonoide und andere phenolische Verbindungen als blutdrucksenkende Akteure vermutet werden. Bis zur Aufklärung würde ich dem Heißwasseraufguss klar den Vorzug geben und mich am Dosierungsvorschlag von Barnes (Barnes et al. 2007) mit 3 Mal täglich 2-6 Gramm Droge orientieren.

In der traditionellen Anwendung ist die Darreichung als Urtinktur nicht unüblich. Auf Grund einer Empfehlung des Dachverbandes der nationalen Gesellschaften für Phytotherapie (ESCOP) für Weißdorn und einer Empfehlung von Schilcher (Schilcher H. 2010) für Baldrian, schlage ich folgende Kombination bei stressassoziierter Grenzwerthypertonie für den behandelnden Arzt vor:

Antihypertonikum nach Phytagoras (stressbedingte Grenzwerthypertonie)

Mengenangabe für kurmäßige Anwendung:
Weiß-Mistelblätter (Visci albi folium)                         30,0
Weißornblätter und Blüten (Crataegi fol. et flos)  80,0
Baldrianwurzel (Valerianae radix)                             40,0
Bitterorangenschale (Aurantii amari peri.)                20,0
Ethanol, 45 Vol.%                                                      750,0

Zubereitung und Dosierung: Drogen in einem Schraubgefäß mit Alkohol übergießen, 3 Wochen unter täglichem Schütteln mazerieren, filtrieren und in Tropfflaschen abfüllen. Drei Mal tgl. 40 Tropfen in etwas Wasser für zunächst 3 Monate einnehmen. Absprache, Dosierungsanpassung und permanente Kontrolle durch den Arzt!

Anmerkung zum Rezeptur: Die Mistel soll bei nur einer Ernte pro Jahr am Nachmittag im Hochsommer (® Flavonoide, Polyphenole) erfolgen, bei zwei Ernten empfehle ich ergänzend eine Wintersammlung und die anschließende Mischung im Verhältnis 3:1 (Sommer/Winter). So lange keine neuen Daten vorliegen, ist die Verwendung von Weiß-Misteln auf Weiden zu bevorzugen. Die Dosierungsempfehlung resultiert aus Vorschlägen für Einzelextrakte gemäß der aktuellen Lehrmeinung (HMPC, ESCOP, Barnes, Schilcher, etc.). Eine grobe Abweichung nach unten ist wegen dem „Baldrian-Paradoxon“ (kleine Dosis, umgekehrte Wirkung) unter ca. 60 Tropfen (<1ml Anteil Baldriantinktur) pro Tag nicht zu empfehlen.

Angst vor dem Hexenbesen?

In der letzten öffentlichen Stellungnahme der EMA (2009) wird die orale Einnahme von Mistelzubereitungen als nicht-toxisch bewertet. Auch die Giftigkeit von frischen Beeren wird von der Berliner Vergiftungszentrale als sehr gering eingestuft (s.o). Alle bekannten Nebenwirkungen und Gegenanzeigen für Mistelkraut beziehen sich derzeit nur auf die parenterale Anwendung nach Injektion, so dass gerade bei Grenzwerthypertonien zu überlegen ist, ob man statt synthetischen Beta-Rezeptor-Blockern, A-2-Antagonisten oder ACE-Hemmern dem „heiligen Kreuzholz“ eine Chance gibt. Es gibt nicht-gesicherte Daten, dass die Misteln von Weiden einen besonders günstigen Hypotonie-Effekt besitzen. In der Geschichte der Menschheit besitzt die „Weidenmistel“ wahrscheinlich eine ältere Bedeutung als die „Eichenmistel“, denn lange vor den Kelten verehrten die Ainu, nacheiszeitliche Ureinwohner Nordjapans, die Weiß-Mistel auf ihrem heiligen Baum und erhoben sie zum japanischen „Omnia sanantem“. Das Essen von Mistelblättern sollte bei ihren Frauen die Aussicht auf Schwangerschaft erhöhen. Der Ursprung dieses Glaubens entsprang wahrscheinlich derselben Verwunderung über die Winterfrucht und das unbeugsame Blattgrün wie später bei gallischen Stämmen. An dieser Stelle soll klargestellt werden, dass der unklare Begriff „Eichenmistel“ nicht die obligat auf Eichen parasitierende Riemen-Mistel (Loranthus europaeus) meint.

Am Ende wird klar, dass man Pflanzen auch „fliegen“ lassen muss und die Pharmakologie mit dem Bau von „Landebahnen“ nur bedingt Erfolg besitzt. Beide Bestreben sind notwendig und menscheneigen. In diesem Sinn endet hier die kleine Fluglehre mit dem französischem Sprichwort: „Au gui l’an neuf!“ – der Mistel sei das neue Jahr geweiht!

Liebe Grüße
Euer Phytagoras

Abb. oben: In wärmegetönten Föhrenwäldern über Kalk findet man in Kärnten immer wieder einen nahen Verwandten unserer Mistel: Das Alpen-Leinblatt (Thesium alpinum). Foto: Vogt
Abb. oben: Nicht die „Weißdorn-Mistel“ (Bild oben), sondern die „Weiden-Mistel“ soll gegen Hypotonie besonders wirksam sein. (Foto: Vogt)