Die Suche nach einem Gespenst im 3. Grad

Die größte Wahrscheinlichkeit einem echten Gespenst über den Weg zu laufen gibt es aktuell in den südlichen Kalkalpen. Das bald an ein Skelett erinnernde Wesen lauert bevorzugt in feucht-schattigen Buchenwäldern und ist trotz seiner Größe bis 1,3 Meter recht sanftmütig. Ein wenig Glück braucht es allerdings schon, um die äußerst seltene, aus dem Mittelmeerraum stammende „Stängelumfassende Gelbdolde“ (Smyrnium perfoliatum) zu entdecken. Ihr Beiname „Gespenst“ rührt von dem 0,5-1,3m hohen Stängel des Doldenblütlers, der zur Fruchtreife wegen seiner Verfärbung einem Totengerippe ähnelt. Antimagische Reliquien wie Mondwurzel (Baldrianwurzel) und Hexendornzweige (Kreuzdornzweige) kann man also getrost zu Hause lassen, wenn man zur Gespenstersuche in illyrisch geprägten Wäldern der Südostalpen aufbricht.

Abb. oben: Schon vor der Fruchtreife und ohne „Totenbleiche“ der Stängel ein sonderbares Wesen im Wald. (Foto: Vogt D.)

Zur Blütezeit erinnert die Pflanze von der Ferne wegen ihrer gelbgrünen Stängelblätter und den gelb gefärbten Doppeldolden in „Stockwerksbauweise“ zunächst an ein stattliches Wolfsmilchgewächs. Nähert man sich dem Sonderling, meint man vielleicht ein überdimensionales „Rundblättriges Hasenohr“ (Bupleurum rotundifolium) gefunden zu haben. Bei näherer Betrachtung erkennt man aber im unteren Stängelbereich dreifach und einfach gefiederte Blätter (1,2) mit eiförmigen und breit-gekerbten Fiedern, stängelumfassende rundlich-ovale, aber nicht durchwachsene Blätter (3) im oberen Stängelbereich, das Fehlen von Hüllblättern (4) wie Hüllchenblättern (5) in den Doppeldolden und gelbgrün gefärbte Staubblätter (6).

Abb. oben: Blättervielfalt am Gespenst: Zur Blütezeit sterben die unteren, 3-fach gefiederten Stängelblätter bereits ab (1), darüber finden sich meist 1-3 einfach gefiederte Blätter (2), im zusammengesetzten Blütenstand bilden stängelumfassende Hochblätter (3) sonderbare „Etagen“. (Foto: Vogt)

In einigen Bestimmungsbüchern finden wir für das „Gespenst“ den Hinweis auf die einstige Nutzung durch den Menschen, der in der österreichischen Exkursionsflora z.B. so aussieht: „Kulturrelikt?, ehedem NutzPf?“. Welcher Geist verbirgt sich nun hinter dieser schmalen Spur und reiht sich unsere Gelbdolde in die Liste gespenstisch schnell vergessener Doldenblütler ein? In einer aktuellen Publikation des Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine über die Lukomir Highlander – eine indigene Bevölkerungsgruppe im bosnischen Bjelašnica-Massivs des Dinarischen Gebirges – taucht unser Gespenst in der Liste dort genutzter Wildpflanzen auf. Von einem unbedachten, auf gut Glück hin Gebrauch der dort erhobenen Nutz- und Medizinalpflanzen durch den kräuterbegeisterten Laien darf allerdings abgeraten werden. Die in Wanderweidewirtschaft lebenden Familienclans nutzen dort ebenfalls auch die Weiße Nieswurz (Veratrum album, WHO-Toxizität 1A), die Haselwurz (Asarum europaeum, WHO-Toxizität 2) und den bei längerer Einnahme zu Lebernekrotisierung führenden Bathengel (Teucrium sp.). Am Ende kommt es eben immer auf das „wie“ der Nutzung an und Grund des Fehlens von medizinischen Einrichtungen in diesem Teil des Dinarischen Gebirges ersetzen zum Teil hochgiftige Wildpflanzen das uns vertraute „Waffenarsenal“ von Bayer & Co – nur eben ohne Beipackzettel und Dosierungsanweisung.

Die Gespensterjagd geht dank Carl von Linné weiter, denn hinter dem Gattungsnamen „Smyrnium“ versteckt sich das griechische Wort „zmýrna“ und bedeutet letztlich so viel wie Myrrhe. Pedanius Dioskurides fasste im 1. Jhd. nach Chr. mit „smýrnion“ eine Pflanzengruppe zusammen, deren Früchte nach Myrrhe riechen sollen. Der Geruchssinn des berühmtesten Pharmakologen des Altertums soll hier nicht in Frage gestellt werden, doch zur Familie der Balsambaumgewächse lässt sich ein botanischer wie therapeutischer Bezug nur schwer konstruieren. (Die Zugehörigkeit der Süßdolde Myrrhis odorata in diese künstliche Gruppe können wir hingegen besser nachvollziehen, denn Grund ihres Ätherisch-Öl-Gehaltes mit dem geruchsbestimmenden Anethol duftet die Pflanze süß-aromatisch wie Anis oder Myrrhenöl und hat auch zu dem Beinamen Myrrhenkerbel geführt.)

Im Zweifelsfall setzt man die Geistersuche mit nächsten Verwandten fort und findet in der Gattung zum Glück nur eine einzige weitere Art, nämlich den Pferdeeppich oder Schwarzkohl (Smyrnium olusatrum). Das Artepitheton leitet sich von „olus atrum“, also dem Schwarzen Gemüse ab, welches laut Altdeutscher Gartenflora (1894) unter Bezugnahme der Landgüteverordnung von Karl dem Großen (812 n. Chr.) ein hochgeschätztes Blattgemüse war. Heute wissen wir, dass sich hinter den „pflanzlichen Gescheitheiten“ des wohl berühmtesten, gartenbaulichen Erlasses aller Zeiten (Capitulare de villis) die Benediktinermönche standen, die Vater Karl und seinen Sohn Ludwig den Frommen weise beraten haben. Seit Galenius von Pergamon (2. Jhd.), der Vater der weiterentwickelten Säftelehre, den Pferdeeppich (hipposèlinon) als „smyrnium“ bezeichnete, kam es zwischen den beiden Gelbdolden-Arten im Laufe der Geschichte zu ständigen Verwechslungen. Unser „Gespenst“ wurde also mit großer Sicherheit gleich dem Pferdeeppich als Nahrungs- und Medizinalpflanze verwendet, was auch die Altdeutsche Gartenflora bestätigt.  Zur Hauptnutzung zählte die Verwendung der großen Stängel als Blattgemüse, während die Samen als aromatisches Gewürz dienten. Die leicht bittere Wurzelrübe galt als diuretisch wirksames Blutreinigungsmittel. Den ältesten und etymologisch klar zuordenbaren Beleg kann man im Herbarius des Pseudo-Apuleius (ca. 4. Jhd. n. Chr.) finden, wo es heißt: “Von den Griechen genannt smirnion, ipposelinon (…) die Itali nennen es olisatrum (…) Bei Blasenschmerz und Harnzwang (…) als Getränk geschluckt und bessert mächtig den Harnzwang.

Bei diesem Indikationsgebiet eines Doldenblütlers kommt uns gleich die Wurzelnutzung des Liebstöckels (Levistici radix) in den Sinn, welche mit 4-8 Gramm Tagesdosis auch positiv durch die Kommission E monographiert wurde und im Unterschied zu vielen anderen Diuretika eine zusätzlich entkrampfende Wirkung auf die ableitenden Harnwege besitzt. Diese „Tugend“ fehlt zum Beispiel der Petersilie, deren Samen in der Volksheilkunde ebenfalls bei Harnwegsinfekten zur Durchspülung eingesetzt werden, diese aber tonisierend und nicht spasmolytisch wirken.

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Abb. oben: Alle Teile des Myrrhenkerbels (Myrrhis odorata) duften und schmecken nach Anis und war für P. Dioskurides wohl Anlass sie zur Gruppe „Smyrnion“ mit Bezug zur balsamischen Myrrhe zu stellen. Warum unser „Gespenst“ im Altertum in derselben Gruppe spukt ist unklar. (Foto: Vogt)
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Abb. oben: So präsentiert sich der Schwarzkohl (olus atrum) unter dem Decknamen „Alexandrinisches Peterlen“ im Kräuterbuch von Jacobus Tabernaemontanus. Deutlich erkennt man den Unterschied dieser Smyrnium-Art zu unserem „Gespenst“: Es fehlen stängelumfassende, rundliche Hochblätter. (Foto: Vogt)
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Abb. oben: Gespenst endlich gefasst! Während „Smyrnium“ bei Leonhart Fuchs unser bekanntes Liebstöckel ist, meint Tabernaemontanus in seinem Kreuterbuch eindeutig Smyrnium perfoliatum und beschreibt in Anlehnung an die Säftlehre eine trocken-heiße Pflanze im 3. Grad mit wundersamen Kräften. (Foto: Vogt)
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Abb. oben: Ob Leonhart Fuchs das Liebstöckel wegen ähnlichen pharmakologischen Eigenschaften oder wegen relativ ähnlichem Früchtstand ebenfalls als "Smyrnium" bezeichnete bleibt ein Geheimnis. (Foto: Vogt)

Um für freudige Verwirrung zu sorgen, bezeichnete der Arzt und Apotheker Leonhart Fuchs in seinem „New Kreutterbuch“ das Liebstöckel ebenfalls als Smyrnium. Bilder sagen mehr als tausend Worte und den besten Beleg für die einstige Nutzung unseres „Gespenstes“ liefert eine graphische Darstellung im „Neuw Vollkommentlich Kreuterbuch“ nach J. T. Tabernaemontanus von 1625 (Abb. links oben), welche den „verlorenen Geist“ zweifelsfrei einfängt.

Hinter seiner zeitgemäßen Beschreibung „Smyrnenwurz ist gut wider den Husten, Furzen und schweren Atem“ kann eine Ätherisch-Öl-Droge vermutet werden, die ähnlich Anis und Fenchel leicht auswurffördernde und verdauungsfördernde Eigenschaften besitzt. Auf der 4-stufigen Skala der Säftelehre erreicht die Droge eine „warme und trockene Kraft jeweils im 3. Grad“, überliefert uns der Botaniker und Mediziner. Somit wurde das Gespenst als gleich „kräftig“ wie z.B. Wiesenkümmel (Carum carvi) oder Kreuzkümmel (Cuminum cyminum) eingestuft. Die angeführte Hilfe bei Schlangenbiss wundert uns wenig, denn an anderer Stelle lesen wir „treibet den Schweiß“ und später dazu: “Smyrnensamen ist gut wider die Gebrechen des Milzes, Nieren und Blasen (…) ist sonderlich gut den Wassersüchtigen“. Aus letzterem interpretieren wir das Vorliegen eines Diuretikums, welches gemeinsam mit schweißtreibenden Eigenschaften in der damalige Vorstellungswelt leicht zu einem generellen Gegengift wurde. Sehr viel ist der Volksheilkunde von dem „mediterranen Gerippe“ nicht erhalten geblieben, aber ein paar Knochen haben wir ausgraben können.

Unsere beiden Gelbdolden geistern nur noch in den Schriften der Renaissance herum und dann verschwindet plötzlich ihr Spuk. Was war geschehen? Es darf vermutet werden, dass im Zuge der Kleinen Eiszeit mit einem deutlichen Temperaturabfall ab 1500 die mediterrane und wärmeliebende Pflanze durch die robustere Sellerie (Apium graveolens) gartenbaulich ersetzt wurde. Vielleicht wird es entgegen der Expertise des amerikanischen Oberhauptes ja doch einmal wärmer und Sellerie-Allergiker wechseln dann hoffnungsvoll auf Pferdeeppich-Gespenster-Salat …

Mit doldigen Grüßen
Euer Phytagoras