Der Balanceakt mit dem Gamander

Was dem Sohn eines Flussgottes und einer Nymphe wohl bekommt, muss nicht unbedingt auch dem Menschen einen Nutzen bringen. Seit der 1. trojanische König Teukros, Sohn von Skamandros und Idaia, die Heilkraft des Edelgamanders als „Milzmittel“ für sich entdeckte, so die Legende, gilt der „Echte Gamander“ (Teucrium chamaedrys) auch in der europäischen Volksheilkunde nach wie vor als Milz- und Gallenmittel. Zudem findet der als „Frauenbiss“ und „Großer Bathengel“ bekannte Lippenblütler auch bei funktioneller Verdauungsschwäche und Gicht gelegentlich Verwendung. Erst nachdem geschäftstüchtige Fabrikanten für Nahrungsergänzungsmittel den Gamander in Form von „Schlankmacherpillen“ in Frankreich auf den Markt gebracht haben, zeigte sich ein bisher unbekanntes und unerfreuliches Gesicht des Lippenblütlers. Mit wenigen Ausnahmen kennen wir in dieser Pflanzenfamilie wenig echte „Problemkräuter“, sieht man von der falschen Anwendung ihrer ätherischen Öle einmal ab. Seit 1984 sind aber mindestens 13 dokumentierte Fälle von Leberschädigung durch die Einnahme von Tee, Dekokt und Kapseln mit dem rosa blühenden „Milzstrauch“ nachgewiesen worden. Das „medizinische Geschichtsbuch“ kennt einige Fälle, wo Modeerscheinungen mit Daueranwendung einer Droge einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung einer Heilpflanze beigetragen haben.

Abb. oben: Dem Edel-Gamander scheint eine Oberlippe zu fehlen. In Wahrheit ist diese tief 2-teilig und gegen die Unterlippe „herabgesetzt“. (Foto: Vogt D.)

Wie soll die Erfahrungsheilkunde nun mit solchen Schreckensmeldungen umgehen, denen dokumentierte klinische Untersuchungen zu Grunde liegen und wo auch plausible Erklärungsmodelle für eine Leberzellschädigung im Raum stehen? Ist eine generelle Verbannung des Edelgammanders sinnvoll und notwendig oder könnten Dosierungs- und Anwendungsempfehlungen der nicht monographierten Pflanze zu einem günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis verhelfen? Würde man die Dosierungsanweisungen und Gegenanzeigen der Europäischen Arzneimittelagentur grob ignorieren, müsste man den Großteil sämtlicher positiv bewerteter Pflanzendrogen aus dem Arzneibuch ebenfalls eliminieren.

Zwei aktuelle Fälle von Leberentzündungen in Siena (Italien) führen uns vor, wie bescheiden unser Wissen über Heilpflanzen noch immer ist und wie verschiedene Umwelteinflüsse bei ein und derselben Pflanzenart zwischen „giftig“ und „heilsam“ entscheiden können. Es konnte gezeigt werden, dass der Edel-Gamander in (mindestens) zwei chemisch verschiedenen, aber äußerlich nicht unterscheidbaren Varianten, sogenannten Chemoökotypen vorkommt. Während gemäß der Familientradition die Mutter einer Erkrankten die Pflanze stets in einem Eichenwald sammelte und nebenwirkungsfrei verwendete, erntete die Tochter denselben Lippenblütler in einem meeresnahen Föhrenwald und entwickelte nach zweimonatiger Einnahme schwere Leberfunktionsstörungen. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass der „Föhrenwald-Ökotyp“ die dreifache Menge des problematischen und als lebertoxisch diskutierten Inhaltsstoffes Teucrin A im Vergleich zum „Eichenwald-Ökotyp“ enthielt. Darüber hinaus enthielten die im Eichenwald untersuchten Individuen einen wesentlich höheren Gehalt an leberschützenden Polyphenolen, wodurch sich für Pflanzen aus diesem Biotop ein „doppelter Vorteil“ ergab.

Abb. oben: Für die Heilpflanzenschule von Salerno (12. Jhd.) galt der Berggamander (T. montanum) als heilkräftigste Gamander-Art.

Der Fall „Edelgamander“ ist aber keine Ausnahme, sondern wahrscheinlich vielmehr der Regelfall, wie uns auch der Gewürzthymian, der Rosmarin oder die Schafgarbe mit ihren chemisch verschiedenen Ökotypen vorführen und der evidenzbasierten Aromatherapie gut bekannt sind. Die Pflanze „spricht“ in unterschiedlichen Lebensräumen keine „Einheitssprache“, sondern einen standortstypischen „Dialekt“ in Form eines Musters sekundärer Inhaltsstoffe. Es wäre auch naiv und fern aller Erkenntnisse über die Wechselwirkungen von Lebewesen und ihrer Umwelt etwas anderes anzunehmen, wenn sich eine Anpassung nicht wenigstens auf der Gestaltebene sichtbar, also morphologisch manifestiert. Es ist ein bequemer Irrtum einiger neumoderner Strömungen in der Phytotherapie, die Bedeutung dieser „Pflanzensprachstoffe“ auszublenden und ihre Existenz als „chemische Nebensächlichkeit“ abzuwerten, ohne ihre biologische Bedeutung zu verstehen. Man darf auch die Anhänger der Signaturlehre zu mehr Bescheidenheit einladen, denn nicht immer offenbart die Pflanze ihren medizinischen Nutzen dem menschlichen Auge zu Liebe und abseits der sichtbaren Welt existiert eine ebenso reale Welt stofflicher „Mikro-Architekturen“ in Form pflanzlicher Inhaltsstoffe. Das Beispiel „Edel-Gamander“ zeigt jedenfalls die Begrenztheit unseres Lichtsinnesorganes und den Bedarf an mehr Zusammenarbeit und Dialog zwischen Erfahrungsheilkunde und Forschung.

Bis eine seriöse Empfehlung zu Tagesdosierung und Anwendungsdauer für die innere Einnahme vorliegt, darf ich einen rein äußerlichen Anwendungsvorschlag von Leonhart Fuchs aus seinem New Kräuterbuch von 1543 weiter reichen:

Mit Essig und Feigen vermischt über die Milz gelegt, bekommt es wohl den Milzsüchtigen. Mit Essig aber alleine vermengt und übergeschlagen, ist es nützlich denen, die von giftigen Tieren gebissen worden sind.“ (Fuchs Leonhart 1543)

Wahrscheinlich werden wir größere Mengen von Essig und Feigen benötigen, bis sich eine Expertenkommission dem Gamander annehmen wird. Allerdings lockt dieser durch das Vorhandensein einer Substanz, die auch arttypisch für die berühmte afrikanische Teufelskralle ist und diese ist immerhin ein „Apotheken-Schlager“ bei rheumatischen Erkrankungen. Wir dürfen also auf Aufklärung hoffen.

Liebe Grüße

Euer Phytagoras