Nachricht aus der Welt der weißen Riesen

Dem Schwierigen geht man gerne aus dem Weg. Das gilt auch für die Bestimmung von Pflanzen, wenn diese mit dem Handy-App oder wortkargen Bilderbüchern nicht ad hoc und „todelsicher“ funktioniert. Um kaum eine Pflanzenfamilie wird so gerne ein Bogen gemacht, wie um unsere Doldenblütler, denn hier bedarf es neben der Kenntnis einiger botanischer Begriffe vor allem an einem: Der Geduld zur Entwicklung des „Doldenblütler-Blickes“. Am Anfang wird man sich mit lästigen Fragen nach dem Grad der Fiederung, also dem „Zerteilungsgrad“ der Laubblätter, nach der Anzahl von blütentypischen Dolden- und Döldchenstrahlen, nach dem Vorhandensein von Hüll- und Hüllchenblätter befassen, bis sich durch wiederholten Vergleich die faszinierende Welt der weißen Riesen zu öffnen beginnt.

Hat man einmal den Fuß in der Tür, so zeigen sich auch kleine Zwerge, wie z.B. der alpine Zwerg-Liebstock oder der nur in den Südalpen vorkommende Rote österreichische Bärenklau, der jedes Edelweiß ins Abseits stellt. Oft fehlen jedoch Ausdauer und Muse zum Detail und so darf man sich nicht wundern, wenn heute von der einst langen Liste einer von der Antike bis in die frühe Neuzeit hoch angesehenen und medizinisch intensiv genutzten Pflanzenfamilie nur wenige das Ufer der „modernen Volksheilkunde“ erreicht haben.

Wer kennt heute noch die Verwendung der unterirdischen Organe des breitblättrigen Laserkrautes (Laserpitium latifolium), welche einst als „Wurzel des Weißen Enzians“ zur Kräftigung und Rekonvaleszenz über den Ladentisch der Apotheken ging? In welchem Bauerngarten wird heute noch der Berg-Fenchel (Laserpitium siler) kultiviert, der nach der Landgüteverordnung Karl des Großen in jedem Kloster als Mittel gegen funktionelle Magen-Darm-Beschwerden angebaut werden sollte.

Welcher Arzt weiß heute um das schleimlösende und antivirale Potential der Heildolde (Sanicula europea), obwohl für das durch Hildegard von Bingen populär gewordene Kraut ein „positives Zeugnis“ durch die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes vorliegt. Kaum eine Bäuerin nutzt heute noch die Früchte des wild wachsenden Myrrhenkerbels (Myrrhis odorata), die Grund des Inhaltsstoffes Anethol eine ähnlich schleimlösende Wirkung wie Anissamen besitzen und einst auch zur Aromatisierung von Süßspeisen genutzt wurden. Eine Reihe von Trivialnamen wie Alpen-Mutterwurz (Ligusticum mutellina), Augenwurz (Atamantha cretensis) oder Hirschheil (Seseli libanotis) verweisen darauf, dass man einst mehr über den Nutzen der Doldenblütler zu erzählen wusste.

 

Abb. oben: Ein seltener Zwerg zeigt seinen roten Kopf. Der Rote österreichische Bärenklau ist ein Endemit der südlichen Kalkalpen. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Die Früchte der Süßdolde sind ein Leckerbissen im Bergwald mit Anisgeschmack. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Das Blatt des „Weißen Enzians“ hätte man zur Zeit Karl des Großen in jedem Klostergarten gefunden. (Foto: Vogt)

Einen nicht unwesentlichen Beitrag zum „gefälligen Vergessen“ der Doldengewächse leistete eine zum Teil unsachliche Panikmache bezüglich ihrer Toxizität, denn von den ungefähr 165 im Alpenraum zu entdeckenden „Luftgestalten“ gelten gerade einmal drei als hochtoxisch. Mit einer gehörigen Portion Glück kann einem der stark gefährdete Wasserschierling (Cicuta virosa) im Flachwasserbereich silikatischer Gewässer vielleicht einmal im Leben „über den Weg schwimmen“ – bleiben also im Regelfall nur noch der Gefleckter Schierling und die Hundspetersilie im Rennen. Eine Entwarnung gab die moderne Toxikologie für den Betäubenden Kälberkropf (Chaerophyllum temulum), an dessen Stelle die in Feuchtbiotopen Südeuropas (Südfrankreich, Iberische Halbinsel) und Nordafrikas wachsende Safranrebendolde (Oenanthe crocata) gerutscht ist.

Ein allgemeines „Ausweichverhalten“ darf auch der Angst vor der berüchtigten Wiesen- oder Fotodermatitis, einer durch spezielle Inhaltsstoffe (Furocumarine) ausgelösten Herabsetzung der Lichtreizschwelle unserer Haut mit durchaus imposanter Zellschädigung als mögliche Folge, zugeschrieben werden. Aber auch hier ist ein „familiäres Pauschalurteil“ nicht haltbar, denn die für eine Lichtsensibilisierung ernst zu nehmenden Verdächtigen können an einer Hand abgezählt werden. Dazu zählen Erzengelwurz (Angelica archangelica), Pastinak (Pastinaca sativa), Liebstöckel (Levisticum officinale), die aus dem Mittelmeerraum eingeschleppte Knorpelmöhre (Ammi majus) und natürlich der Medienliebling Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum). Aus eigener Erfahrung darf auch der Waldengelwurz ein schwaches Sensibilisierungspotential zugeschrieben werden. Dieses Problem kann durch Verwendung von Handschuhen bei der Ernte und Verarbeitung jedoch leicht behoben werden.

Abb. oben: Ein grüner Engel entfaltet seine Flügel. Unsere Waldengelwurz besitzt ein sehr ähnliches Spektrum an Inhaltsstoffen wie die Erzengelwurz und zeigt im Experiment ein angstlösendes Potential. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Sitzt einmal der "Doldenblütlerblick", wird auch ein junges Fiederblatt der Waldengelwurz im Unterwuchs entdeckt. (Foto: Vogt)

Fast amüsant ist ein aus den 1950er-Jahren stammendes Pauschalurteil über das angeblich kanzerogene, also krebserregende Potential des in Doldenblütlern oft anzutreffenden Inhaltsstoffes Cumarin, hätte diese wenig differenzierte Behauptung nicht selbst nach Aufhebung einer „Ära der Prohibition“ und Korrektur bei vielen Pharmazeuten und Pflanzenkundigen zu einem nicht mehr los zu werdenden Nachgeschmack geführt. Die zu Grunde liegenden Daten wurden aus Studien mit Hunden und Ratten mit einem künstlichen (Hydroxy-)Cumarin in Überdosierung und ohne Bezugnahme zum natürlichen Vielstoffsystem gewonnen. Erst später entdeckte man mit Erstaunen, dass die menschliche Leber einen anderen Weg der Verstoffwechselung einschlägt, die Bioverfügbarkeit bei lediglich 4% bei gleichzeitig rascher Ausscheidung liegt und einige der häufig vorkommenden Cumarin-Abkömmlinge vielmehr ein leberschützendes Potential besitzen dürften.

Das Beispiel der Doldenblütler zeigt jedenfalls gut, wie giftige „Ausreißer“, Fehleinschätzung und ein botanisch schwieriger Familienzugang das Verschwinden von altem Heilpflanzenwissen erheblich beschleunigt. Die Untrennbarkeit zwischen sicherem Erkennen und der Nutzung einer Heilpflanze wird im Falle dieser Familie ganz besonders deutlich. In der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts führten die sog. „Väter der Botanik“, die Mediziner Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs die fruchtbare Symbiose zwischen botanischer Artkenntnis und Phytotherapie in Praxis vor. Heute liegen Pflanze und Medizin oft weit voneinander entfernt. Europäische TCM-Ärzte verordnen asiatische Angelika-Arten, die sie nie an ihrem natürlichen Standort gesehen oder im Frischzustand erlebt haben. Und einmal durch die ehemalige Expertenkommission E als „nicht ausreichend in ihrer Wirkung belegt“ abgestempelte (z.B. Meisterwurz) oder negativ monographierte Doldenblütler (z.B. Zahnstocherammei) verschwinden trotz guter Erfahrungswerte bald gänzlich von der Bildfläche. Man darf sich an Sebastian Kneipp erinnern, der bekanntlich unsere heimische Waldengelwurz der skandinavischen Erzengelwurz vorzog. Warum? Einfach deshalb, weil „man sie ohne Mühe haben kann“ und beide „Heilpflanzen im gleichen Sinne sind“ (S. Kneipp, 1886). In jedem Fall ist es Zeit die weißen Riesen erneut zu entdecken!

Abb. oben: Die „Kugel-Universen“ der Berg-Heilwurz bleiben fest in Verbindung, auch wenn sie jeden Augenblick davon zu schweben scheinen. (Foto: Vogt)

Für alle, die in die Welt der Riesen eintauchen wollen: Die Heildolde und ihre Anwendung wird im Rahmen der Exkursion „Karawankensalat & Bergveilchendusche“ in Natur vorgestellt, die Augenwurz und die Myrrhen-Kerbel kann bei der Wanderung „Heilpflanzen zur Prevala-Milchalm“ gefunden werden und die Magisterwurz wird beim Outdoorworkshop „Meister trifft seinen Engel am Gebirgsbach“ zur einem Theriak verarbeitet. Wer die Waldengelwurz noch nicht kennen sollte, der kann mich gerne durch die Rabenschlucht begleiten.