Trügerisch weißes Hochzeitskleid

Wie findet man die echte Braut, wenn sich verblüffend ähnlich aussehende Damen in das gleiche Hochzeitskostüm zwängen? Auch violett blühende Veilchen wollen häufiger als gedacht in elegant weißem Hochzeitskleid betören. Die wegen „Seitensprüngen“ und der Ausbildung von Hybriden ohnehin verrufene Gattung Viola wird dann zur botanischen Herausforderung, denn abseits von „falschen“ weißen Veilchen gibt es auch „echte“, sogenannte Weiß-Veilchen (Viola alba s.str.). Bevor man also einer Braut in Weiß gratuliert, sollte man sehr genau hinschauen.

Abb. oben: Kein Weiß-Veilchen, sondern „nur“ ein weiß blühendes Amerika-Veilchen sonnt sich hier am Teichufer. Erst die keulenartigen Barthaare der Kronblätter, die langen Nebenblätter und das Fehlen einer hakig gekrümmten Narbe verraten die von nordamerikanischen Indianerstämmen intensiv genutzte Veilchenart. (Foto: ©Vogt)

Praktisch alle violett blühenden Veilchenarten kommen bei gestörter Biosynthese der farbgebenden Anthocyane auch in Weiß vor. In manchen geographischen Regionen trifft man durchaus öfters auf solche Albinos als auf echte Weiß-Veilchen. In Tirol fehlt die Art beispielsweise gänzlich, während sie in Kärnten nur selten und unbeständig auftreten soll. Im pannonischen Österreich hat man die größte Chance ein echtes Weiß-Veilchen anzutreffen.

Abb. oben: Schon wieder kein echtes Weiß-Veilchen, auch wenn das Bilderbuch vielleicht das Violettsporn-Weiß-Veilchen vorschlägt. Hier fehlen die typischen dünnen, oberirdischen Ausläufer. Stattdessen sind kräftige, unterirdische Seitensprosse ausgebildet. Hier hatte wahrscheinlich das Hügel-Veilchen einen Seitensprung. (Foto: ©Vogt)

Wie erkennt man nun die richtige Braut?  Beim Weiß-Veilchen handelt es sich um ein sogenanntes 2-achsiges Veilchen ohne beblättertem Stängel. Damit entspringen alle Blüten aus den Achseln grundständiger, in einer Rosette stehenden Laubblätter. Darüber hinaus zählt die Entwicklung oberirdischer dünner Ausläufer, die bereits im 1. Jahr blühen, zu den wichtigsten Differenzialmerkmalen. Sind die Blattstiele der Sommerblätter zusätzlich abstehend und rundum behaart, die Nebenblätter zumindest vier Mal länger als breit und fehlt diesen eine Bewimperung der Zotten, dann darf man die Braut schon fast küssen.

Der folgende Videobeitrag lädt zur Suche nach dem Weißsporn-Weiß-Veilchen am Ufer der Drau im Bundesland Kärnten ein:

Abb. oben: Hier handelt es sich um eine „echte“ Braut in Weiß! Die Merkmalskombinationen führen gemeinsam mit dem blassgrüngelblichen Sporn zur korrekten Anrede „Weißsporn-Weiß-Veilchen“ (V. alba ssp. alba). Das Bild wurde im Bundesland Kärnten am Ufer der Drau aufgenommen. (Foto: ©Vogt)
Abb. oben: Zum entscheidenden Merkmal des Weiß-Veilchens zählen die dünnen, oberirdischen Ausläufer, die im 1. Jahr blühen und nicht selten 3 Knoten ohne Wurzelbildung besitzen. (Foto: Vogt)

Trägt man Jahr für Jahr dasselbe weiße Hochzeitskleid, wird es auch dem bescheidensten Weiß-Veilchen einmal zu (wenig) bunt. So entschied sich eine Unterart des Weiß-Veilchen am Ende doch für ein durchgehend violettes Kostüm und wird deshalb als sog. Violettes Weiß-Veilchen (V. alba ssp. violacea) angesprochen. Übrig bleiben das Lilasporn-Weiß-Veilchen (V. alba ssp. scotophylla) mit lilafarbenem Sporn und das Weißsporn-Weiß-Veilchen mit weißlich blassgelbgrünen Sporn (Viola alba spp. alba) bei sonst rein weißen Kronblättern. Die Farbpalette liefert demnach kein alleine ausreichendes Werkzeug zur Bestimmung von Veilchenarten und bildgestützte, nach Blütenfarben eingeteilte Bestimmungsbücher kommen bei Veilchen rasch an ihre Grenzen.

Abb. oben: So sieht die Behaarung einer echten weißen Braut aus und führt zum Weiß-Veilchen. „Rasierte“, einseitswendig oder kurz-stoppelig behaarte Damen täuschen hingegen ihren Verliebten. Das Merkmal „Behaarung des Blattstiels“ ist an Sommerblättern zu überprüfen! (Foto: Vogt)

Warum kann man sich für weiße Hochzeitsgewänder der Veilchen interessieren, wenn einem die richtige Anrede der Braut egal sein sollte? Das in der eurasischen Volksheilkunde üblicherweise genutzte März-Veilchen (V. odorata) wird beispielsweise im weißen Gewand von „violettäugigen“ Veilchenjägern gerne übersehen, obwohl die farblosen Cyclotide und nicht Anthocyane wirksamkeitsbestimmend sind. Von vielen anderen Gattungen ist bekannt, dass zwischen Arten und sogar Unterarten erhebliche Unterschiede in Muster und Konzentration pharmakologisch relevanter Inhaltsstoffe existieren. Weide und Schafgarbe liefern dazu hervorragende Beispiele, bei denen der Gehalt an wertbestimmenden Salicylaten bzw. Proazulenen je nach Artzugehörigkeit von therapeutisch relevant bis unbedeutend reicht. In Zukunft werden wir vielleicht erfahren, welche Veilchenarten auf Grund ihrer hohen Konzentration an Cyclotiden besonders stark entzündungshemmend und antimikrobiell wirken.

Viel Spaß bei der diesjährigen Veilchen-Brautschau wünscht Phytagoras!