Wenn der Speik spukt

Über das ewige Verwirrspiel mit deutschen Pflanzennamen

Seit ich deinen Namen kenne, Blümchen, lieb ich Dich!“, besagt ein japanischer Haiku. Heißt es nun aber Echter Baldrian, Arznei-Baldrian, Bullerjan, Dreifuß, Katzengeil oder vielleicht doch besser Mondkraut? Wer Baldrian nicht riechen kann findet vielleicht „Stinkfuß“ am passendsten. Sind diese Titel nicht alle gleichwertig und warum sollte man nicht nach Lust und Laune einmal das eine, dann wieder das andere „Namensschild“ aufhängen?

Abb. oben: Qual der Wahl oder immer dasselbe? (Illustration: Anne Ziegenfuss ©VOGT)

Von entscheidender Bedeutung ist die saubere Trennung zwischen sog. Büchernamen, also fachsprachlich-schriftsprachlichen Namen, alltagssprachlichen-schriftsprachlichen Gebrauchsnamen und den je nach geographischer Region und Sprachkreis sehr vielfältigen mundartlichen Namen (indigene Vernakularnamen, semantische Lehnwörter, etc.). Hätten sich unsere Altvorderen abseits der unaufhaltsamen Anhäufung mündlich gebräuchlicher Trivialnamen gewissenhaft an eine Konvention für Büchernamen gehalten,

wie ungleich einfacher wäre heute der Schatz alter Heilpflanzenerfahrung zu bergen! Doch selbst heute noch herrscht bei manchen Heilpflanzenkundigen Unverständnis für die Notwendigkeit nomenklatorischer Vereinbarungen. Im obigen Beispiel ist die Bezeichnung „Arznei-Baldrian“ der derzeit in Österreich „gültige“ Büchername für die Sammelart Valeriana officinalis, während Bullerjan und Co lediglich volkstümliche Begriffe sind. Woher bekommt man den „richtigen“ Namen und warum macht eine Vereinheitlichung Sinn?

Plötzlich wächst überall Speik!

Das große Rätselraten beginnt meistens dann, wenn alltagssprachliche oder mundartliche Bezeichnungen mehrdeutig werden und für verschiedene Arten in Gebrauch kommen. So wurde in manchen Alpenregionen der Arznei-Baldrian auch als „Wald-Speik“ bezeichnet und umgangssprachlich mancherorts salopp zum „Speik“ gestutzt – unbekümmert der stillen Vereinbarung, dass der Name vielerorts meistens für den Echt-Speik (Valeriana celtica) „reserviert“ war. Durch die Amputation eines ursprünglich eindeutigen und zudem vegetationskundlich interessanten Trivialnamens wurde plötzlich ein mehrdeutiger Name. Die Bezeichnung „Wald-Speik“ ist wahrscheinlich eine semantische Entlehnung des alten Schriftnamen „Nardostachys sylvestris“, der etymologisch in etwa „wildwachsend balsamische Ähre“ bedeutet. Die Apotheker mussten zukünftig auf gut Glück entscheiden, ob in alten Anweisungen der Bauerndoktoren mit dem „Speik“ der in den Westalpen verbreitete Westliche Echt-Speik (Valeriana celtica ssp. celtica), der in den Ostalpen endemische Östliche Echt-Speik (Valeriana celtica ssp. norica) oder nur ein schriftsprachlich verkümmerter „Wald-Speik“ (Valerina officinalis agg.) gemeint war.

Abb. oben: Im alpenländischen Volksmund muss der Ostalpen Echt-Speik den Titel „Speik“ mehrfach an andere Pflanzenarten abtreten. Foto: Vogt

 Dabei wäre alleine schon die letzte Auswahl kniffelig genug gewesen, denn nicht überall verblieben die Unterarten des Arznei-Baldrians in einem Aggregat beisammen, sondern wurden, wie etwa in der Schweiz, zu eigenständigen Arten deklariert. Ein Schweizer Apotheker hätte mit „dem Speik“ dann schon 8 Freischüsse offen!

Die Folgen solcher Rochaden sind für die Volksmedizin nur dann belanglos, wenn die in Frage kommenden Arten einer pharmakologisch konvergenten Gattung angehören. Das ist zum Glück sehr oft der Fall. Wer andererseits die Ernüchterung schaffende Erforschung chemischer Pflanzenrassen verfolgt, würde an dieser Stelle aufschreien, weil man bald froh sein darf, wenn ein Schmalblatt-Arznei-Baldrian in zwei verschiedenen Lebensräumen die gleiche Wirksamkeit besitzt. So etwas will natürlich niemand gerne hören, weder der Reformhausbetreiber noch die gute Kräuterfee.

In der Realität wird kein Kräuter-Weiberl und -Manderl innerhalb bestimmter Gattungen wie z.B. Frauenmantel, Schafgarbe, Löwenzahn, Brombeere, (kleinwüchsigen) Weidenröschen oder Veilchen eine lupenreine Unterscheidung vornehmen. Der großzügige Umgang entspringt hier aber der sehr schwierigen botanischen Unterscheidung von Arten und nicht der Mehrdeutigkeit ihrer umgangssprachlichen Namen! Unter den genannten Gattungen liefert nach heutigem Wissen übrigens nur die Schafgarbe einen triftigen Grund zur Beschwerde, da manche Kleinarten und Sippen praktisch frei von ätherischem Öl sind.

Wie steht es aber mit den beiden in der deutschen Schriftsprache „verunglückten“ Namen Sanikel und Bibernelle? Hier darf man sogar jeweils zwischen zwei pharamakologisch vollkommen verschiedenen Familien auswählen!

Abb. oben: Rund 500 Jahre hatte der Europäische Sanikel "doldigen Frieden" bis auch die Neunblättchen-Zahnwurz in den Ritterstand eines wundheilden Sanikels gehoben wurde. Foto: Vogt

Einmal werden Bibernelle, Pimpinelle oder Pimpernelle als Rosengewächse vom Kräuterladen mit nach Hause geschleppt, ein anderes Mal findet man dieselben Schriftnamen zur Auswahl für einen Doldenblütler in einem Bestimmungsbuch für Anfänger! Hier hilft tatsächlich nur mehr die binäre Nomenklatur weiter (siehe unten). Beginnend mit Hildegard von Bingen bis ins 16. Jahrhundert herrschte unter den Kräutlern und Apothekern Einigkeit darüber welche Pflanze sich hinter dem Lehnwort „Sanikel“ verbirgt. Der Name dieses Doldenblütlers wurde allerdings im kreativen Alpenmund vom Saunickel, Schanikel, Zaunikl bis zum Zahnigl entfremdet. Ob es nun der unglückliche „Zahn“ war, der auch in der Familie der Kreuzblütler aus der Neunblättchen-Zahnwurz einen Sanikel schuf oder aber der irrtümliche Volksglaube, dass beide Pflanzen gleich zu verwenden wären, kann heute niemand mehr sagen. Mit der unbedachten Einführung des Drogennamen „Saniculae radix“ für den Wurzelstock von Zahnwurz-Arten entstanden zum Teil widersinnige, bis heute in der Volksheilkunde überdauerte Anwendungen. Statt der in alten Rezepturen mit dem Sanikel geforderten Saponindroge, verwendete man eine hitzelabile Thioglycosid-Droge mit vollkommen anderem pharmakologischen Profil.

Wenn der Speik in fremden Familien spukt

Im Kulturraum der zentralen Ostalpen hat auch der „Speik“ die taxonomische Grenze seiner Familie der Geißblattgewächse verlassen und geistert da und dort in zwei weiteren Pflanzenfamilien herum. Zum einen findet man den „Blauen Speik“, mancherorts umgangs- und schriftsprachlich wieder zu einem „Speik“ verkümmert, als Primelgewächs in alpinen Rasengesellschaften. Wer in Wanderkarten den Flurnamen „Speikboden“ liest braucht nicht hoffnungsvoll zur Suche nach dem Echt-Speik aufbrechen, denn er sollte dort mit etwas Glück die blau blühende Kleb-Primel (Primula glutinosa) antreffen. Manchmal wird auch die Zwerg-Primel (Primula minima) zu einem „Speik“ hingebogen. Die Wurzel beider unter Naturschutz stehenden Primelarten wurde früher mancherorts von Älplern als auswurffördernde Saponindroge genutzt. Würde man die Droge aus Unkenntnis wie Arznei-Baldrian in der aktuellen Dosierungsempfehlung nutzen, käme im schlimmsten Fall nur eine Schleimhautreizung des Magen-Darm-Traktes heraus.

Abb. oben: Hier blüht ein „Blauer Speik“ in einem alpinen Rasen mit langer Schneebedeckung. Foto: Vogt
Abb. oben: Das Krainer Grau-Greiskraut sollte der Leber zuliebe nicht als „Speik“ genutzt werden. (Foto: Vogt)

Im zweiten Fall wacht Baldur, der in der Volksmythologie dem Baldrian zugeordnete nordische Lichtgott aber nicht über dem Opfer einer Speik-Rochade. Das volkstümlich als „Gelber Speik“ bekannte Krainer Grau-Greiskraut (Senecio carniolicus) gehört innerhalb der Korbblütler dem Tribus der Greiskrautförmigen an und ist somit eine potente Quelle für lebertoxische Pyrrolizidin-Alkaloide (PA). Das obligatorische Vorkommen von PA mit 1,2-ungesättigtem Necingerüst in Greiskräutern führte sogar zum Synonym der „Senecio-Alkaloide“. Die Pflanze wächst bevorzugt im alpinen Krummseggenrasen über Silikatgestein und sollte in keinem Fall für einen „echten“ Speik gehalten werden.

 

In der Renaissance war man großzügiger als heute, denn damals durften „die Weiber an etlichen Orten die Baldrianwurzel für Kalmus verkaufen“, wie uns der Arzt und Botaniker Leonhard Fuchs (1543) überliefert. Vielleicht darf man die alten Kräuterkrämer hier sogar loben, denn zur damaligen Zeit wurde der Baldrian im Volksmund als „Augenwurzel“ verwendet und konkurrierte mit dem seit der Antike für dieses Anwendungsgebiet (pharmakologisch) besser geeigneten Kalmus.

Drei Väter gegen das Chaos

Von der Antike bis in die Neuzeit haben sich für populäre Heilpflanzen Unmengen an Bezeichnungen angehäuft. Man kann die Leistung der sogenannten „Väter der Botanik“, die Grund ihres Schaffens als Ärzte im 16. Jahrhundert gleichzeitig zu sog. „Vätern der deutschen Heilpflanzenkunde“ wurden nicht genug loben, denn mit ihren griechischen, lateinischen, hochdeutschen, teutschen (>deutschen) und barbarischen (>germanischen) Pflanzenregistern schufen sie Ordnung in das nomenklatorische Chaos von damals. Durch die Kombination von etymologischer Abhandlung, erstmals konsequent realistischer Illustration und Sammlung historischer Indikationen für jede Pflanze ermöglichen die „Kreutterbücher“ von Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs einen tiefen Blick in die Vergangenheit europäischer Heilpflanzengeschichte. Der entscheidende Durchbruch zur Schaffung internationaler Klarheit in der Benennung von Pflanzen erfolgte allerdings erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Einführung der sogenannten binären Nomenklatur durch Ritter Carl von Linné. Der bis damals übliche Gebrauch eine vermeintlich neu entdeckte Art zu benennen bestand in der konventionslosen Aneinanderreihung von die Morphologie beschreibender Begriffe hinter dem Gattungsnamen.

Die so entstandenen Namenskreationen umfassten bis zu 15 Wörter (!) und verfehlten gerade deshalb das Ziel einer Vereinheitlichung und praktikablen Verständigung. In der von nun an gültigen binären Nomenklatur durfte dem Gattungsnamen nur mehr 1 Artname folgen. Ein wahrlich ritterlicher Streich! Allerdings zog des Ritters Segen beim Volksmund spurlos vorüber, denn keiner wollte die nativ gebräuchlichen Namen gegen zwei lateinische Wörter tauschen. Gibt es überhaupt noch Hoffnung für einheitliche deutsche Pflanzennamen?

Der Trick mit dem Trennstrich

Entdeckt man in der Chronik einer Gebirgsregion die traditionelle Verwendung eines Baldrians, so bleibt unklar, ob hier der Berg-Baldrian, der habituell ähnliche Dreischnittig-Baldrian oder, wenn auch unwahrscheinlich der Felsen-Baldrian gemeint ist. Alle drei Baldrian-Arten können im selben Habitat Schulter an Schulter gedeihen. Jeder erkennt hier sofort die Notwendigkeit einer exakten deutsch-schriftsprachliche Namensgebung.

In der nun 3. Auflage der „Österreichischen Exkursionsflora“ verrät uns der Trennstrich vor der deutschen Gattungsbezeichnung, dass es innerhalb des Taxons mehrere Arten gibt (z.B. Weiden-Baldrian, Sumpf-Baldrian, etc.). Diese sinnvolle Schreibweise für deutsche Pflanzennamen ist der binären Nomenklatur nach Carl von Linné grundsätzlich nicht unähnlich, wenn auch international noch nicht vereinheitlicht und angenommen. Sie ermöglicht dem Leser die saubere Unterscheidung zwischen Artbegriffen ein und derselben Gattung gegenüber gattungsunabhängigen Trivialnamen. Ein „Weidenbaldrian“ könnte demnach der Trivialname irgendeiner Pflanzenart sein, während der Weiden-Baldrian eine von mehreren Arten der Gattung Baldrian ist. Ganz schön clever, oder?

Will man wertvolle Erfahrungen für Menschen anderer geographischer Regionen und Sprachfamilien sichern, so sind eine nomenklatorische Vereinheitlichung unserer Büchernamen und eine saubere Abgrenzung zu regionalen Gebrauchsnamen unumgänglich. Das soll keineswegs von der Pflege mundartlicher Pflanzennamen als wichtiger Teil unseres Kulturerbes abhalten, sondern im Gegenteil dazu anspornen! Nicht die hundert mißverständlichen bis oft sehr aussagekräftigen Mundartnamen einer Pflanze sind das Problem, sondern nur der aktuell gültige Büchername! Diesen entnehmen wir seriösen, länderspezifischen Florenwerken.

Vielleicht können wir in ferner Zukunft einmal sorglos in die amerikanische „tobacco root“ hineinbeißen, weil wir wegen einem sinnvollen Büchernamen hier keine giftige Tabakwurzel, sondern ein essbares Baldriangewächs erwarten. Ob so eine „amerikanische Stinkwurz“ auch gut schmeckt, ist eine andere Frage.  

Alles Speik!

Euer Phytagoras

Abb. oben: Der Dreischnittig-Baldrian ist ein deutlich besserer "Kletterer" als der sonst im Habitus ähnliche Berg-Baldrian. (Foto: Vogt)
Abb. oben: Dieser "Kopf" gehört einem Sumpf-Baldrian, den man in nassen Wiesen, Niedermooren und Bruchwäldern antrifft. (Foto: Vogt)