Eine höhentaugliche Weihnachtswurz

Rosenwurz in Polposition (Foto: Mag. Diemtar Vogt)

„Von  drauss‘  vom Walde komm ich her…“.  Bald ist es wieder soweit und wie jedes Jahr wird  Theodor Storms  Christkind seinen  treuen  Knecht Ruprecht nach  dem gefüllten Säckchen fragen, wenn er durch den  tief verschneiten  Tann schreitet.  Doch längst haben  Äpfel, Nuss und Mandelkern  für unsere Kinder ausgedient und der arme Diener ist mehr zu einem „IT-Knecht“ metamorphosiert, der hauptsächlich das „Dezemberdesign-Handy“  und  die  neueste  X-Box mitzuschleppen  hat.  Auf  der  anderen  Seite  verbergen  sich immer mehr Mittel gegen psychophysische  Erschöpfung  für die  Eltern  im  Sack  der  Rauhnachtsgestalt,  darunter  auch altbewährte  Heilpflanzen,  denn  in  der  ruhigsten  Zeit  des Jahres ist der Bedarf an  sog. Adaptogenen besonders hoch geworden.

Der mittlerweile fest in der Phytotherapie verankerte Begriff „Adaptogen“  wurde  1958  durch  den  russischen  Forscher Nicolai V. Lazarev geprägt  und bezeichnet heute pflanzliche Arzneimittel,  die  den  Organismus  gegenüber  Stressoren widerstandsfähig  machen  sollen  und  eine  Anpassung,  also Adaption  unseres  Immunsystems  an  Stress  ermöglichen.
Unter  den  „adaptogenen  Klassikern“  der  evidenzbasierten  Phytomedizin  befinden  sich  auf  den  ersten Blick ausschließlich Exoten aus entweder subtropischen  Gebieten der Alten  Welt und  Neuen  Welt oder subpolaren  bis gemäßigten Gebieten Asiens  (Siehe  Tabelle). Nur eine Pflanze unter ihnen besitzt  neben einem borealen auch einen ursprünglich alpinen Verbreitungsschwerpunkt und ist also bei uns heimisch.

tabelle (Mag. Dietmar Vogt)

Berg Heil, Rosenwurz!

Im  Reich  des  Murmeltierkönigs,  von  der  subalpinen  (Österreich)  bis  hinauf  in  die  alpine  (Schweiz) Höhenstufe, findet die tüchtige Bergsteigerin zwischen Felsspalten, auf Grobblockhalden oder steinigen Quellfluren  –  meist  über saurem  Muttergestein-  ein  stattliches  Dickblattgewächs  (Fam.  Crassulaceae), welches oft als sonderbare Große Fetthenne (Sedum telephium) verkannt wird.
Nur zählen wir vier, anstatt  für die Gattung Sedum typischen  fünf Blütenblätter  und auch sonst passt einiges  nicht.  Bei  näherer  Betrachtung  erstaunt  vor  allem  der  Quell  der  Vitalität  dieser  grün-gelb  bis rötlich blühenden Pflanze: Aus einem knolligen, stark verzweigten und horizontal in der Erde liegenden Spross  (Rhizom)  treibt  die  Pflanze  jedes  Jahr
aufs  Neue  bis  zu  50 cm hohe Blühtriebe gegen die  Bergsonne  aus.  Am  Ende  sammeln  sich  in einer  Schirmrispe  dicht  gedrängte  Blüten,  die geduldig  auf  Fliegen  und  Stechimmen  warten, denn  auf  eine  Selbstbestäubung  kann  die Pflanze  auf  Grund  ihrer  Zweihäusigkeit  nicht hoffen.  Wenn  dann  ein  zarter  Rosenduft  vom Wurzelstock  in die Nase aufsteigt, wissen wir es besser:  Es  handelt  sich  um  die  Rosenwurz (Rhodiola rosea).

Eine Wurz will hoch hinauf

In Österreich halten Naturschutz und auch die Saligen Frauen ihre hütenden Hände über die seltene und daher vollkommen  geschützte  „Arctic Root“  (engl.)  und die  Droge stammt  vornehmlich aus  arktischen Gebieten  Europas und  Asiens  (Altai, Aral, Karpaten, Sayan-Berge), wo sie auf Grund ihrer Heilkraft den Namen  „Golden  Root“  (engl.)  erhalten  hat.  Die  Vorliebe  für  kalte  und  abgeschiedene  Plätze  führt  die Pflanze womöglich noch bis zum Mond: Russische Kosmonauten nutzen bekannter Weise die im Rhizom enthaltenen  Phytamine,  vornehmlich  „Rosavine“  (chem. Phenylpropanderivate)  und  „Salidroside“ (chem. Phenylethanderivate), zur Förderung geistiger Agilität und physischer Leistungsfähigkeit.  Dabei handelte  es  sich  keineswegs  um  eine  Entdeckung  der  sowjetischen Raumfahrtbehörde  und  als  das Ministerium  für  Gesundheit  im  Jahre  1969  Rosenwurzextrakt  zum  offiziellen  Bestandteil  der sowjetischen  Staatsmedizin  anerkannte,  bestätigte  sie  nur  das  antike  Wissen  des  Dioskurides,  der bereits  2050  Jahre  früher  die  Pflanze  als „rodia  riza“  in  seine  Materia  medica

Rosenwurz Mänlich Weilblich M(FotoMag. Dietmar Vogt)
Abbildung 3: „Weiberl“ (l.) und „Manderl“ (r.) – Die zweihäusigen Pflanzen warten auf den „Segen“ von Fliegen und Stechimmen. Foto: W. Obermayer

aufgenommen  hatte.  Dass  der  heilkräftige Pflanzenteil,  den  auch  die  Wikinger,  Inuit und  Lappen  nachweislich  als  stärkendes „Wildgemüse“  zu  nutzen  wussten,  keine „rhíza“  (griech.  Wurzel),  sondern  botanisch betrachtet  ein  Rhizom  war,  störte  damals wohl niemanden.

Wie schwer ist das Gold der „Golden Root“ wirklich?

Die  Rosenwurz  ist  keineswegs  nur  ein  kurzfristiges  „Aufputschmittel“,  welches  gerade  im  Falle  einer psychophysischen  Erschöpfung kontraindiziert  wäre.  So  empfiehlt  beispielsweise  Schilcher  (2010)  in seinem  Leitfaden  für  Phytotherapie  eine  Anwendungsdauer  von  vier  Monaten  und  länger  zur Unterstützung der geistigen Agilität, der Verbesserung des Langzeitgedächtnisses und zur Steigerung der körperlichen  Leistungsfähigkeit.  Die  hohen  Versprechungen  werden  aktuell  durch  zahlreiche experimentelle  und  klinische  Studien  untermauert  und  der  Höhenflug  der  Wurz  scheint  kein  Ende  zu nehmen.    Der  Bogen  möglicher  Wirkmechanismen  reicht  von  einer  Beeinflussung  der „HypophysenNebennierenrinden-Achse“  und  damit  des  Corticoidspiegels,  über  eine  bessere  „Verfügbarkeit“  von Neurotransmittern  bis  hin  zum  Schutz  des  Nervengewebes  gegenüber  oxidativen  Angriffen.    Für  die Eignung als Adaptogen sind  aber  die vielen „kleinen Hebel“ von Bedeutung, mit denen  eine  Pflanze zu einem  nicht  einseitigen,  sondern  regulierenden  und  ausgleichenden  Effekt  führen  kann.  Unlängst konnte  gezeigt  werden,  dass  Rosenwurzextrakt  die  Regulation  von  1062  wichtigen  Genen  im immunologisch  bedeutsamen  Stützgewebe  des  Gehirns  (Mikroglia)  zu  beeinflussen  vermag  und  auch zwei  „Entzündungsfaktoren“  signifikant  drosselt,  die  bei  der  Entstehung  neurodegenerativer Erkrankungen (z.B. Morbus Alzheimer) eine Schlüsselrolle einnehmen.

„Wikinger-Wildgemüse“ am Speiseplan

Wenn man herausfinden möchte, ob Rosenwurz wirklich so schlau wie Wiki oder stark wie Halva macht, muss  man  nicht  unbedingt  nach  Skandinavien  auswandern,  sondern  kann  sein  Glück  in  der  Schweiz suchen, wo die Pflanze mit Ausnahme im Thurgau  noch  keinen Schutzstatus besitzt. Alleine das alpine Erlebnis einer solchen Urlaubsreise wird heilsam wirken.  Der Achtsame wird nur einen kleinen Teil des Wurzelstockes  zum  Selbstzweck  ernten  –  wozu  man  keine  Schaufel  benötigt,  sondern  herausragende „Knollenzapfen“  mit der Hand vorsichtig abdreht  –  und gemäß der HPMC-Monographie (Committee on Herbal Medicinal Products) einen ethanolischen Auszug (67-70% v/v³) ansetzten. Falls einem die Saligen Frauen hold sein sollten und man  eine Ausbeute von ca. 3% „Rosavinen“  erzielt, reichen ca. 10 Tropfen der Lösung, am besten noch vor dem Frühstück eingenommen.  Wer nicht schwindelfrei ist und ungern im Oktober auf über 2000 Meter herumkraxelt, dem stehen neben fragwürdigen „Internet -Mischmasch-Produkten“ auch standardisierte Apothekenpräparate zur Verfügung.

Vielleicht  wird  man  in  weiteren  2050  Jahren  adaptogene  Pflanzendrogen  gar  nicht  mehr  benötigen, sondern nimmt sich mehr Zeit zum Staunen und Entdecken und liegt dann öfters friedlich neben einer Rosenwurz  hoch  oben  im  Angesicht  der  zeitlosen  Bergriesen  und  schnuppert  an  ihr  andächtig.  Wir wollen es hoffen.

In diesem Sinne wünsche ich eine stille Weihnachtszeit!
Euer Phytagoras