Vergessener Held mit weißem Visier

Nur wenige Pflanzen wagen es, sich dem Willen der Götter zu widersetzen. Andernfalls darf man mit jeder Menge Ärger rechnen. Wenn „die da oben“ allerdings zur Hälfte auf den Gestirnen, zum anderen Teil in Asgard, der nordischen Götterburg sitzen, wird es mit dem Wohlgefallen für jedergott schon etwas schwierig. Im vorliegenden Fall betrifft der Ungehorsam nicht irgendein „Mauerblümchen“, sondern einen bereits im antiken Ägypten wertgeschätzten Lippenblütler, der von den Priesterinnen als „Samen des Horus“ und als antimagischer Halbstrauch angesehen wurde. Was kann einer Pflanze schon Besseres widerfahren, als im Namen eines Lichtgottes verehrt und dafür bereits vor 3000 Jahren im Bewässerungsfeldbau kultiviert zu werden? Alles lief für den filzig Behaarten mit seinen rundlichen Runzelblättern reibungslos, bis Odin einen in Missgunst gefallenen Erdbewohner zu strafen gedachte. Die Vollstreckung überließ er aber seinem stürmischen Sohn Donar, besser bekannt als Thor, der neben einem großen Hammer auch Lichtspeere von sich schleudern konnte. Bevor aber des Wettergottes todbringender Blitz sein Ziel erreichte, stellte sich der besagte Lippenblütler beherzt zwischen Gott und Mensch. Anstatt aber Schaden zu nehmen, ging die gesamte Lichtenergie in die Heilkraft der Pflanze über – so eine nordische Legende zum Weißen Andorn (Marrubium vulgare).

Vielleicht stammt der Bitterwert des Andorns von rund 3000, also etwa dem Dreissigfachen der Löwenzahnwurzel, von dem heldenhaften „Dazwischenwerfen“ oder hat dieser doch mit den Diterpenen vom Furanolabdantyp zu tun? Manche behaupten, dass die weiß gefärbten Lippenkronen, die aus den  stockwerksartig übereinander stehenden „Blütenstandskugeln“ regelrecht heraus strahlen, von dem mystischen Ereignis zeugen. Ob auch die filzig abstehende Behaarung von Stängel und Blatt von dem „elektrisierenden Vorfall“ stammt, ist ebenso ungewiss, jedoch stellt sie aus ökologischer Sicht einen passablen Strahlungsschutz dar, den der wärmeliebende „Weiße Dorant“ in seiner ursprünglichen Heimat Zentralasien gut brauchen kann.

Abb. oben: Neben seinem Hammer kann Thor auch Blitze schleudern. Einen solchen soll der Andorn einst abgewehrt haben. (Bild: In: Manuskript Sám 66, Arni Magnusson Institut)
Abb. oben: In kugelartigen Stockwerken (Scheinquirle) lässt der Andorn seine Lippenblüten leuchten. (Foto: Vogt)

„Warm und trocken wie Sonne und Licht“

Wie gelang es der Pflanze in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen denselben mythologischen Bezug zu Licht- und Sonnenkraft zu erlangen? Entsprang die übereinstimmende Beurteilung von Ägyptern und Germanen einer analogen Signaturlehre oder vielmehr ähnlicher pharmakologischer Erfahrungswerte? Wir finden das „sonnige Temperament“ des Andorns aber auch in der erweiterten Säftelehre Galens von Pergamon und (deshalb auch) in der Klosterheilkunde wieder: „Die Ärzte stufen das Kraut von jeher als erwärmend und trocknend im zweiten Grad ein“, überliefert uns Odo Magdunensis in seinem „Macer floridus“, dem wahrscheinlich bedeutendsten Heilpflanzenbuch im gesamten Mittelalter. Im „Circa instans“, der ersten großen Drogenkunde des Abendlandes und Lehrschrift der berühmten Schule von Salerno (12. Jhd.), wird die „wärmende Tugend“ des Andornkraut sogar bis zum dritten Grad eingestuft.

In diesem Sinne stand die Behandlung von Atemwegserkrankungen stets im Vordergrund und wurde auch von Paracelsus übernommen, wenn er das „Brustkraut“ der Volksheilkunde als „Arzt der Lunge“ lobt. Die ritterliche Neigung zum „Dazwischenstellen“ ist ihm dennoch geblieben, wie man z.B. im karolingschem Lehrgedicht „De cultura hortorum“ des Abtes von Reichenau mit einem Hang zur Dramatik hört: „Sollten Dir Stiefmütter je feindseelig bereitete Gifte mischen in das Getränk oder trügenden Speisen verderblich Eisenhut mengen, so scheucht ein Trank des heilkräftigen Andorns die drohenden Lebensgefahren.

Ab wann darf man eine Pflanze als „Gegengift“ betrachten und warum war Hildegard von Bingen im Falle des Andorns ihrer Zeit voraus?

 Die Zeit der (gift-)kräuterkundigen Stiefmütter und ihrer tückischen „Eisenhutbettlaken“ neigt sich aber zu Ende und es stellt sich die Frage, ob die aktuelle Beurteilung des Andornkrautes (Marrubii herba) durch die ESCOP (Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phytotherapie) vielleicht etwas übersehen hat. Vermag der Andorn vielleicht doch im Sinne eines klassischen Gegengiftes zu wirken? Wir kennen in der Notfallmedizin tatsächlich aus Pflanzen isolierte Antidote wie  z.B. das aus Mariendistelsamen gewonnene Silibinin bei Knollenblätterpilzvergiftung oder das ebenfalls aus dem Samen der Kalarbohne extrahierte Physostigmin bei Intoxikationen mit bestimmten Nachtschattengewächsen. Hier wirken allerdings isolierte Einzelsubstanzen in hoher Konzentration und spezieller Verabreichung.

Dürfen wir den Begriff „Gegengift“ auch außerhalb akuter Vergiftungen verwenden, wenn ein Pflanzenteil mit seinem Vielstoffsystem indirekt, zum Beispiel durch eine verbesserte Ausscheidung über die Nieren (z.B. pflanzliche Aquaretika), einer schnelleren  Stoffumwandlung in der Leber oder einer selektiven Malabsorption im Dünndarm (z.B. „Polyphenol-Pflanzen“), zu einer Abschwächung der Giftwirkung führt, wie das bei vielen chronischen Einflüssen von Relevanz ist?

Das moderne Zeugnis gegen Katarrhe der oberen Atemwege wurde bereits zweitausend Jahre früher von der Äbtissin Hildegard von Bingen ausgestellt – allerding ohne Angabe der Tagesdosisempfehlung von 4,5 Gramm Droge, dafür in sinnvoller Kombination mit der ebenfalls leicht auswurffördernden und krampflösenden Fenchelfrucht. Mit Wein als gefordertes Lösungsmittel war Hildegard ihrer Zeit voraus, denn der wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoff Marrubiin löst sich in wässrig-ethanolischer Umgebung besonders gut. Von dieser Tatsache macht auch die deutsche Firma Repha Gebrauch und stellt ein schön bitteres, aber auch schön wirkendes Monopräparat gegen Bronchitiden und produktivem Husten mit dem Handelsnamen Angocin Bronchialtropfen her.

Die Empfehlung der Expertengruppe gegen Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen, also  sog. funktionellen Verdauungsbeschwerden, deckt sich sinngemäß mit Hildegards Verwendung gegen „schwache und gebrechliche Eingeweide“ und trifft das allgemein tonisierende und verdauungsfördernde Wirkprinzip von Bitterstoffpflanzen. War das schon alles oder verrät uns die volkstümliche Bezeichnung „Mariennessel“ eine weitere  vergessene Indikation?

Abb. oben: Eine Besonderheit im Zeitalter unserer "Zuckerhochkultur": Ein bitteres Monopräparat ganz im Sinne von Hildegard von Bingen und der Expertenkommission E gegen produktivem Husten. Der Unterschied zu "Zuckerwasserlein" besteht in der zusätzlich tonisierenden und verdauungsfördernden Wirkung, die vor allem bei chronischen Bronchitiden älterer Menschen einen Zusatzbonus mitbringt.
Abb. oben: Einen alkoholfreien Zugang zum Andorn bietet der Frischpflanzenpresssaft der Firma Schoenenberger auch außerhalb der Erntezeit. Dieser wird der hebräischen Wurzel des Gattungsnamen "Marrubium" gerecht, wo "mar = bitter" und "rob = viel Saft" bedeutet.

Ein übereifriges Molekül allein gegen alle?

Eine Spur führt uns zum ältesten pharmakologischen Werk der Antike, der Materia medica des Pedanius Dioskurides zurück, wo das Kraut zur Förderung von Menstruation, Geburt und Nachgeburt  angeführt wird. Darf eine nicht zu den klassischen Emmenagoga zählende „Marienpflanze“ so was auch tun? Die Antwort liegt vielleicht im unglaublich breit gestreuten und dennoch hochwirksamen Potential des Inhaltsstoffes Marrubiin verborgen, das nachweislich schmerzstillend (Meyre-Silva C. et al. 2005), gefäßerweiternd (El Bardai S. et al. 2003), antioxidativ, entzündungshemmend, „herzschützend“ (Olugbenga K. Popoola et al. 2013) ulkusschützend (Paula de Oliveira A. et al. 2011), krampflösend (Hussain J. et al. 2011), auswurffördernd, antiödematös (Hellen, K. et al. 2006) und antidiabetisch (Mnonopi N. et al. 2012, M. Abd El-Mohsen et al. 2014) wirkt und bis zu 1% im Kraut vorkommt. Nur selten hängt das „pharmakologische Wesen“ einer Pflanze so eng mit nur einem Inhaltsstoff zusammen, wie im vorliegenden Fall für das Diterpen-Lacton. Berücksichtig man die zusätzlichen 5-7% Lamiaceen-Gerbstoffe, lädt der Andorn noch zur Begleitung unspezifischer Durchfallerkrankungen ein.

Zwei trickreiche Beine gegen Zucker

Von all den möglichen Heldentaten wollen wir anlassbezogen das „heiße Eisen“ Diabetes Typ 2 beleuchten, denn immer wieder sprießen antidiabetische „Wunderpflanzen“ aus dem Boden kauftüchtiger Unternehmen. In einer sehr schönen Arbeit konnte gezeigt werden, wie der Inhaltsstoff Marrubiin einem „Heinzelmännchen“ der Kohlenhydrate-Verdauung (alpha-Glukosidase) das Bein stellt und damit die plötzliche (Über)Verfügbarkeit von Blutglukose im Zaum halten kann. Bisher hat man einige pflanzliche „Haxl-Steller“ entdeckt, doch unser Andorn vermag neben diesem kurz gegriffenen Trick auch die Insulin-Produktion der Bauchspeicheldrüse mit einem anderen Bein „anzutreten“. Schon wieder stellt sich der Andorn einmal mehr „dazwischen“. Angesichts der 7,2 Millionen Diabetes 2 Betroffenen alleine in Deutschland (DDG 2015) darf man den giftigen Eisenhut in Strabos Gedicht vielleicht durch Zucker ersetzen und dem Andorn dann den Stellenwert eines funktionellen Antidots geben. Gemeinsam mit gefäßschützenden Pflanzen (z.B. Buchweizen, Heidelbeere) und der Änderung seines Lebensstils könnte sich hier vielleicht eine sinnvolle Begleittherapie ergeben.

In jedem Fall aber bringt der bittere Held geschmackliche Abwechslung in unsere Zeit der Zuckerhochkultur. Und das mit tatsächlich „süßer“ Wirkung!

Abb. oben: Übersicht der Breitspektrumwirkung mit möglichen Zielorganen für Andornkraut auf Grund der aktuellen Datenlage. Die Anzahl der Plus-Zeichen entspricht dem Therapiepotential nach persönlicher Einschätzung. (Graphik: Vogt & Ziegenfuss)

Tipp: Für die Herstellung einer Tinktur verwendet man zwischen 25 und 30%igem Ethanol mit einem Drogen-Extrakt-Verhältnis von 1:5. Die Standarddosierung beträgt dann 3-6 ml für Erwachsene pro Tag.  Wer das Eintropfen von Tinkturen satt hat, kann auch eine hustenstillende, auswurffördernde und tonisierende „Andorn-Wein-Rahm“-Gemüsesuppe zubereiten und auf den Spuren der Hildegard von Bingen wandeln.